29. Dezember 2022

Weihnachtspredigt von Bischof Wolfgang Ipolt

WEIHNACHTEN 2022

Gott wird Mensch. Eine Darstellung in der Kathedrale St. Jakobus in Görlitz. Foto: Bistum Görlitz

Predigt von Bischof Wolfgang Ipolt am Weihnachtstag, 25. Dezember 2022 in der Kathedrale St. Jakobus in Görlitz

Den Weihnachtsgruß des Bischofs finden Sie hier

Messe am Tage

Zu den ältesten Bräuchen unserer Liturgie zählt eine kleine Gebärde, die während der Gabenbereitung vollzogen wird: In den Kelch mit Wein wird ein wenig Wasser hineingegeben.

Ein winziger Tropfen Wasser kann auch mit einem kleinen Löffel in den Kelch gegeben werden. Foto: Martin Ramm

Ursprünglich geht dies einfach auf den Brauch der Mittelmeerländer zurück, die den Wein nie unvermischt getrunken haben. Die Vermischung von Wasser mit dem Wein der Eucharistie bindet uns somit an den Ursprung der Eucharistie zurück. Mit dem Wassertropfen im Kelch gehen wir gleichsam in den Abendmahlssaal zurück, um das zu tun, was der Herr uns aufgetragen hat.

Im Laufe der Geschichte hat man sich viele Gedanken über diese kleine Gebärde gemacht.

Was könnte sie für uns bedeuten? Welchen Sinn kann man ihr verleihen? Was kann in dieser Geste anschaulich sichtbar werden?

Etwa seit dem 11. Jahrhundert fing man an, darin ein Bild des Weihnachtsgeheimnisses zu sehen. Die Vermischung von Wein und Wasser wurde gedeutet als ein Gleichnis für das, was wir heute feiern: Gott und Mensch werden eins – Gott nimmt in Christus Menschennatur an, damit wir Anteil erhalten an seinem göttlichen, ewigen Leben. „Wie das Wasser sich mit dem Wein verbindet zum heiligen Zeichen, so lasse uns dieser Kelch teilhaben an der Gottheit Christi, der unsere Menschennatur angenommen hat“, betet der Diakon oder Priester still bei der Vermischung des Wasser mit dem Wein.

Noch stärker wird dieser Gedanke im Tagesgebet der Messe am Weihnachtstag, das eine entscheidende Bitte hinzufügt: „Gott, du hast den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen und noch wunderbarer wiederhergestellt. Lass uns teilhaben an der Gottheit deines Sohnes, der unsere Menschennatur angenommen hat.“

 

Was erfahren wir hier über Weihnachten?

Weihnachten ist zuerst ein Fest der Freude und des Dankes für die Schöpfung. Gott hat den Menschen wunderbar erschaffen, sagt dieses alte Gebet aus dem 4. Jahrhundert. Das ist der tiefste Grund für seine Würde. Die ganze Schöpfung ist wunderbar. Darum verdient sie unser Ja, unsere Sorge und Achtsamkeit. Dafür sind wir heute – Gott sei Dank! – sensibler geworden als frühere Generationen. In diesem Zusammenhang fällt sogar das Wort „Sünde“ wieder, wenn von „Umweltsünden“ oder „-sündern“ gesprochen wird.

An Weihnachten aber geht es natürlich vorrangig um den Menschen. Jede Ökologie der Gegenwart braucht unbedingt auch die „Ökologie des Menschen“, wie es Papst Benedikt bei seiner Rede vor dem deutschen Bundestag vor Jahren ausgedrückt hat. Was hat er damit gemeint? Letztlich doch den Schutz der Würde des Menschen.

Der ewige Gott wird ein hilfsbedürftiger Mensch. Foto: Bistum Görlitz

An Weihnachten schauen wir auf ein Kind in einer Krippe. Das ist wie eine Einladung: Schauen wir doch genauso in die Augen der Kinder von heute! Ein Wunder ist es bis heute, wenn ein Kind zur Welt kommt und heranwächst. Gott, du hast den Menschen wunderbar erschaffen!

Zugleich wissen wir auch an diesem Weihnachtsfest, wie viele Kinder auch in unserem Land ungeliebt heranwachsen; Kinder, die ihres Lebens nicht froh werden, weil sie in gestörten oder zerbrochenen Familienverhältnissen aufwachsen. Ich denke in diesem Jahr besonders auch an die Kinder, die jetzt schon ihren Vater vermissen, weil er in der Ukraine oder in Russland im Krieg gefallen ist.

Vergessen wir auch nicht die alten und gebrechlichen Menschen, diejenigen, die auf den Tod zugehen. Auch da braucht es unser großes Herz, um zu sehen, dass auch sie seine geliebten Geschöpfe sind. Und das bleiben sie auch in Krankheit und Leid.

Nur wenn wir ehrfurchtsvoll vor der Schöpfung stehen, vor dem, was Gott wunderbar erschaffen hat – nur dann werden wir auch geöffnet für den Weg Gottes in diese Schöpfung hinein.

Diesen Weg schlägt Gott überraschenderweise ein. Er macht einen großen Schritt: Er kommt über den Graben, der Schöpfer und Geschöpf trennt und wird selbst ein Geschöpf – geboren aus Maria, in allem uns gleich, außer der Sünde.

Gott tut das, um sich unser anzunehmen – das ist das Erregende des Weihnachtsgeheimnisses. Er sieht das verwundete Menschenantlitz – seine geliebten Geschöpfe! – und will sich ihnen zuwenden,

uns „wunderbar erneuern“ – das ist sein Ziel.

 

Wie sieht das aus? Ist die Welt nicht so geblieben wie sie war? – so wollen wir erwidern.

Gott hat seit der Geburt Christi keine utopische Welt eingerichtet; er hat uns die Last des Menschseins und auch unsere Freiheit nicht im Voraus abgenommen.

Aber: Er hat uns angesprochen – weil er uns liebt! Kann man Größeres von jemandem sagen? Gott hat sich uns ausgeliefert, indem er ein kleines, verletzbares Kind wird.

Damit appelliert Gott an unsere Liebe – so wie ein Kind Liebe von den Eltern ersehnt und erwartet; er appelliert an unsere Einfachheit, an unsere Offenheit, an unsere Bescheidenheit. Nicht ohne Grund kommen wohl zuerst die Hirten, die einfachen Menschen, an die Krippe und erst später die Weisen und Könige und der ängstlich um seine Macht besorgte Herodes kommt überhaupt nicht.

Das Kind von Betlehem ist – so sagt es die zweite Lesung – „der Abglanz seiner

(sc. Gottes) Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens; er trägt das All durch sein machtvolles Wort…“ (Hebr 1, 3). Dieses Kind ist das Licht, das in der Finsternis leuchtet (Joh 1, 5) und es muss damals und heute damit rechnen, dass die Finsternis es (noch) nicht erfasst.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Weihnachten feiern kann man nur, wenn man den Menschen liebt als Gottes wunderbares Geschöpf. Ich kann Christus nur haben, wenn ich die Gemeinschaft mit den Menschen haben will.

Ich kann dieses Fest nur verstehen und feiern, wenn ich nicht egoistisch bei mir bleibe und mir selbst genüge – wenn ich wahrhaft Mensch werde, für andere und mit anderen gemeinsam.

Gerade in dieser Krisenzeit spüren wir doch, wie sehr die Menschheit zusammengewachsen ist, wie sehr wir alle aufeinander verwiesen und miteinander verwoben sind. Nicht alle verstehen das. Manche fragen: Warum soll ich sparen, warum soll ich Einschränkungen auf mich nehmen, wenn andere Krieg machen? Was geht das mich an? Sollen das doch die Politiker lösen…!

„Fratelli tutti“ – alle sind Brüder, so hat Papst Franziskus seine letzte Enzyklika (2020) überschrieben und er hat uns darin erinnert, dass wir alle trotz der verschiedenen Kulturen und Gesellschaften eine Gemeinschaft bilden, die aus Geschwistern zusammengesetzt ist, die einander annehmen und füreinander sorgen (vgl. Nr. 96).

 

Wir merken: Weihnachten feiern ist mehr als ein paar gemütliche Tage bei Kerzenschein – das darf auch sein. Aber den Kern dieses Festes begreift man nur, wenn man staunend vor diesem Weg Gottes in seine Schöpfung steht und sich von ihm wunderbar erneuern, umgestalten lässt – zu einem neuen, von allem Egoismus und aller ängstlichen Selbstsucht erlösten Menschen.

 

Schauen wir noch einmal auf das eingangs erwähnte Bild von dem Wassertropfen im eucharistischen Wein. Er ist Symbol für das Einswerden von Gott und Mensch in Christus. Er kann aber auch eine ganz praktische Einladung an jeden von uns sein: Gib dein Leben, so wie es ist, hinein in den großen Abgrund Gottes, in den Wein seiner Liebe!

Lassen wir uns in voller Freiheit hineinfallen in diese große Botschaft von seiner Menschwerdung – das ist die Gnade dieses Festes, die wir im Lied so besingen: „In seine Lieb‘ versenken will ich mich ganz hinab; mein Herz will ich ihm schenken und alles, was ich hab.“(GL 239). Amen.

 

 

Es gilt das gesprochene Wort

 

Download der Weihnachtspredigt von Bischof Wolfgang Ipolt

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