Westgiebel

Sanierung und Rekonstruktion des Westgiebels der Kathedrale St. Jakobus in Görlitz 2004

Am 6. und 7. Mai 1945 – vor nunmehr 60 Jahren – wurde die St. Jakobus -Kirche, damals Pfarrkirche der Görlitzer St. Jakobus-Gemeinde und seit 1994 Kathedrale des Bistums Görlitz, durch Artilleriebeschuss der heranrückenden russischen Einheiten stark zerstört. Der Turmschaft des nordseitig angeordneten Turmes wurde förmlich aufgeschlitzt. Beschädigt wurden alle Fenster der Kirche, der Turmhelm, das Dach und die Orgel.

Die Stadt Görlitz war in den letzten Kriegstagen zum brodelnden Kessel geworden. Sie platzte aus allen Nähten, weil Tausende Flüchtlinge, vor allem aus Schlesien, dem Sudetenland und aus Ostpreußen vor der heranrückenden Front flohen und ins Stadtgebiet drangen. Die 21 km östlich gelegene Stadt Lauban, war zuvor zur Festung erklärt und im Februar 1945 zu 75 % zerstört worden. Gerade der mit Flüchtlingen voll gestopfte Hauptbahnhof wurde im Februar und April Zielscheibe von Tieffliegerangriffen. Die Jakobuskirche, die unmittelbar auf einem Felsplateau hinter dem Bahnhof liegt, war Orientierungspunkt für die Tiefflieger, die 250-kg Bomben abwarfen und damit auch Kirche und Umfeld trafen.

Gleich nach Kriegsende wurde trotz der großen Not und der Versorgung der Flüchtlinge, mit dem Wiederaufbau der Kirche begonnen. Durch vielfältige Arbeitseinsätze von der Gemeinde wurde das Dach gedeckt. Aus Not an Material wurden die Seitendächer des Hauptdaches sowie die Vierungstürme des 68 m hohen Turmes nicht wieder aufgebaut. Leider liegen uns aus dieser Zeit keine Aufzeichnungen über die Sanierungsmaßnahmen vor. Auch an dem Westgiebel der Pfarrkirche mussten damals konstruktive Eingriffe vorgenommen werden, die wir erst bei der Sanierung und Restaurierung des Westgiebels im Jahr 2004, über die ich im Folgenden berichten möchte, erfuhren.

Zunächst ein kurzer Rückblick in die Geschichte:

Der Neubau der 1898/99 erfolgten 3-schiffigen Hallenkirche nach Plänen des Breslauer Diözesanbaumeisters Baurat Ebers, der sich ganz an mittelalterliche Vorbilder und Bautraditionen orientierte, lies über der prosperierenden preußischen Pensionärsstadt einen neugotischen Baukörper aus Backsteinen in der Ansicht mit Blendsteinen im Blockverband entstehen. Architekturglieder mit grün- und braunglasierten Ziegeln im Innen- und Außenraum schmückten den Kirchbau in exponierter städtebaulicher Lage.

Um die Mitte des 19.Jh. gelangte ja der Ziegelbau auch aus der geistigen Haltung der Romantik heraus zu neuer Geltung. Dabei gingen die deutschen Länder durch unterschiedliche Kunstfreudigkeit ihrer Regenten unterschiedliche Wege. In der Tradition der Schinkelnachfolge wurden historisierende Bauformen ausgeführt.

In der Epoche um 1870 erfuhr der Ziegel eine funktionelle Differenzierung. Es sind Verblendmauerwerke aufgeführt, bei der der hart gebrannte Vormauerziegel die äußere Wandschale bildet. Die Hintermauerziegel mit geringerer Güte wurden im Mauerkern eingesetzt. Aus Kostengründen vollzog sich parallel die Entwicklung zu Lochverblendern, so wie wir sie heut an der Kathedrale finden.

Die Verwendung hochwertiger, teils mehrfarbiger glasierter Terrakotten am Westgiebel der St. Jakobus-Kathedrale und die Qualität des Baudekors überhaupt vergegenständlichen den hohen technischen Standard der Tonwarenproduktion der damaligen Zeit.

Die Sanierung und Restaurierung des Westgiebels

Die Planung der Restaurierung und Sanierung der konstruktiven Sicherung der Westfassade der Kathedrale St. Jakobus erfolgte auf der Grundlage der denkmalpflegerischen Zielstellung und der denkmalschutzrechtlichen Genehmigung. (Der Kirchenvorstand der kath. Kirchengemeinde St. Jakobus als Bauherr hatte sich Frau Kohla, die als Architektin in den vergangenen Jahren an vielen Kirchbauten erfolgreich tätig war, gewählt. Der Leiter des Baureferates als Vertreter der Kirchenaufsichtsbehörde in meiner Person war als baufachliche Begleitung von Anfang an in die Sanierung integriert.) Die Zielsetzung der Baumaßnahme war die Rekonstruktion des Originalzustandes der Westfassade und Sanierung im konservatorischen und restauratorischen Sinne:

  • Wiederherstellung und restauratorische Instandsetzung der Giebelbekrönung;
  • Wiederherstellung der Strebepfeilerabschlüsse und schrägaufsteigenden Mauerabschlüsse mit glasierten Simssteinen;
  • Rückbau der vorhandenen Schutzverglasung; Reparatur der vorhandenen historischen Verglasung im gewachsenen Zustand entsprechend Gutachten und Fachplanung;
  • Instandsetzung der Fensterprofile;

Weitere baubegleitende Maßnahmen waren:

  • Erneuerung und Instandsetzung der Dachdeckung im Nordwestteil der Vorhalle;
  • Erneuerung der Dachentwässerung auf der Nordwestseite;
  • Erneuerung und Instandsetzung der Blitzschutzanlage anteilig;

Als planerische Vorbereitung wurden wie üblich eine maßliche Bestandserfassung mit Neuaufmaß der Westfassade einschl. Ansicht und Seitenansicht der 6 Strebepfeiler und eine umfangreiche technische Bestandserfassung durchgeführt.

Für die Sanierungsentscheidung waren folgende Schadensbilder zu bewerten:

  • großflächige Hohlstellen durch Klopfen eingegrenzt und durch Kreuze gekennzeichnet
  • vertikale Rissbilder im Vormauerwerk
  • horizontale Rissbilder im Vormauerwerk
  • Versalzung/Oberflächenverstörung
  • Massive tiefgreifende Durchfeuchtung des Mauerwerkes und an allen Kaffgesimsen
  • Fugenbild im Fassadenbereich wurde mit Zementmörtel in vergangenen Bauphasen nachgefugt. Vermehrt sind u.a. Abplatzungen an Klinkerkanten in diesen Bereichen zu finden
  • Fugenbilder im Bereich der wasserführenden Bauteile, Gesimse und Dreiecksverdachungen waren zu 100% schadhaft
  • Bauzierglieder/Dreiecksverdachungen waren absturzgefährdet
  • Salzausblühungen

Die Schadensumfänge an den Vormauerwerken der Strebepfeiler erhöhten sich in großen Mengen. Beim Rückbau einzelner Schadensbereiche an den 6 Strebepfeilern trat ein intensiver, fauliger Geruch aus dem Mauerwerk heraus. Ehemalige wassereinträge in das Pfeilermauerwerk, ständig neue Durchfeuchtungen über schadhafte Fugen und Risse im Mauerwerk waren die Ursache für die hohe Feuchtebelastung im Hintermauerwerk. Die straffe Vermauerung, die dichten Vormauersteine und die zementige Verfugung ließen die eingetretene Feuchtigkeit kaum aus dem Mauerwerk heraus.

Nach der sehr umfangreichen Schadensfeststellung bis Anfang Mai 2004, wurde nach Sanierungslösungen gesucht, die helfen, den Arbeitsaufwand und den Kostenrahmen zu minimieren. Für die Untersuchung der Mauerwerksbelastungen und für unterstützende Sanierungsempfehlungen wurde das Institut für Diagnostik und Konservierung an Denkmalen in Sachsen und Sachsen-Anhalt e.V. herangezogen. Eine produktunabhängige Befundanalyse war für die folgende Entscheidung zur Konservierung, Sanierung und Instandsetzung wichtig.

Eine Vernadelung, wie sie auch vor 10 Jahren beim Turm vorgenommen wurde, wurde aus vielerlei Gründen verworfen. Stattdessen entschied man sich für eine traditionelle Bearbeitung: eine partielle und auch flächige neue Vormauerung im Bereich der 6 Strebepfeiler.

Die Rekonstruktion des Traufgesimses des Westgiebels

Die Rekonstruktion des Traufgesimses des Westgiebels war denkmalpflegerisches Ziel und auch Ziel der Kirchenaufsichtsbehörde. In den Jahren um 1978 wurde die Giebelzier zurückgebaut und mit einem Betonvorsatz von ca. 30 % der Giebelfläche ausgeglichen. Die ehemalige plastische Gestaltung des Gesimses wurde illusionistisch auf die oberste geputzte Ebene gemalt. Die Giebelabdeckung erfolgte mit Zinkblech. Diese Arbeiten wurden nicht dokumentiert. Von Augenzeugen wurde bestätigt, dass bereits die Betonbalken auf der Rückseite des Giebels über die gesamte Länge von 13,0 m nach Süden und ca. 4,0 m auf der Nordseite vorhanden waren. Somit kann geschlussfolgert werden, dass diese Arbeiten vermutlich bereits unmittelbar im Zusammenhang mit den Sicherungsarbeiten der Kriegsschäden am Turm ausgeführt wurden.

Erst nach Rückbau des Betonvorsatzes der Ansichtsfläche und dem Freilegen der Hintermauerung wurde festgestellt, dass sich aufgrund thermischer Gegebenheiten die waagerechten zu den schräg liegenden vermauerten Schichten so abgelöst haben, dass quasi ein „schräg“ liegender Mauerpfeiler entstanden war. Dieser weist ein durchgehendes Rissbild an der Südseite auf. Auch an der Nordseite ist ein Grossteil der Strecke gerissen. Wahrscheinlich hat der dahinter liegende Betonbalken, der wohl  nach dem Krieg eingebaut wurde, bereits statische Sicherungen übernehmen müssen. In diesem Bereich sind erhöhte Aufwendungen notwendig geworden. Auch hier wurde auf eine traditionelle handwerkliche Sanierung zurückgegriffen. Es erfolgte der Rückbau der Mauerkrone und die fachgerechte Erneuerung in Anlehnung an die alte Bauweise. Zur zusätzlichen Sicherung des Verbundes wurde in jeder dritten Schicht der Hintermauerung je zwei Drahtanker eingesetzt.

Weitere Instandsetzungsmaßnahmen

Die Fassade des Westgiebels, die jahrelang der Verschmutzung des nahe gelegenen Bahnhofes und der Braunkohlenkraftwerke ausgesetzt war, wurde mit dem Hochdruckheißwasser- und Dampfreinigungsverfahren ohne chemische Zusätze 2 mal durchgeführt – eine Vorreinigung, bevor die Sanierung begonnen wurde und eine Abschlussreinigung. Die Ablagerung staubförmiger, fettiger, rußiger und öliger Partikel, Gipskrusten und biologische Partikel (Algen, Flechten, Moose) wurden dabei entfernt. Partiell wurden Reinigungen mit dem Niederdruck- Rotationsverfahren ausgeführt.

Die Kompressenentsalzungen insbesondere im Zusammenhag mit den restauratorischen Maßnahmen ist an Simsen- und Tropfkanten unter den Fensterflächen ausgeführt worden. Dadurch wurde ebenfalls ein Reinigungseffekt in diesen Bereichen durch Anlösen und Abnehmen der Verkrustungen erreicht.

Kleinteilige Fehlstellen an Ziegeln bis zu einem Viertel der Ansichtsfläche wurden durch Ziegelantragsmassen ergänzt. Aus handwerklicher Sicht ist vor allem die Reparatur des kleinteiligen Fugennetzes der Ziegelwände durch zerstörte Steinkanten erschwert.

Das Aussehen der Backsteinrohbauten hängt im wesentlichen von der Fuge und der Fugenbehandlung ab. Die feinen Fugen des Verblendmauerwerkes sind mit einem hellen (pigmentierten) Mörtel ca. 3 mm zurückgesetzt verfugt. Bei den dunklen Stellen wurde bewusst auf ein nahezu helles Fugenbild geachtet. Die ortstypischen Tone und Sande bestimmen damit die Farbigkeit der Ziegel und des Fugenmörtels.

Zurückliegende, gegliederte Putzflächen sind mit einem Kalkmörtel erneuert worden. Die Anstriche dieser Rücklagen sind auf das Putzsystem abgestimmt. Es erfolgten weitere konservierende Anstriche im Systemaufbau von Metallrahmen, Windstreben der Fenster und sonstigen Stahleinbauteile. Auch zu erwähnen ist die restauratorische Fassung des Giebelkreuzes mit der Vergoldung der Gloriole sowie die Steinmetzarbeiten im Sockelbereich und an den Treppenstufen.

Neben den Dachdecker-, Dachklempner-, Blitzschutz- und Gerüstbauarbeiten erfolgten die Verglasungsarbeiten auf der Grundlage der Stellungnahme der Arbeitsstelle für Glasmalereiforschung in Potsdam. Die Restaurierung der vorhandenen historischen Verglasung aus verschiedenen Zeitabschnitten erfolgte durch Erneuerung der Verbleiung und Ersatz von Falschgläsern. Die Sturmeisen wurden konserviert und anteilig durch nichtrostenden Stahl ersetzt. Die vorhandenen äußeren großformatigen Schutzverglasungen aus den 60er Jahren wurden zurückgebaut.

Fazit

Nach Abrüsten des Westgiebels Ende November 2004 wurde dem Kirchenvorstand als Bauherren, der beauftragen Architektin des Architekturbüros Kohla und mir als Leiter des Baureferates deutlich, dass sich der erhebliche planerische und logistische Aufwand insbesondere bei der Bestellung, Lieferung und Einbau der verschiedenen Mauer-, Form- und Glasurziegel (insgesamt 28 verschieden Sorten) sowie der 2-jährige Kampf um Fördermittel gelohnt haben. Mit Gesamtkosten von insgesamt 300.000,- € konnte die Fassade des Westgiebels der Kathedrale St. Jakobus restauriert und instandgesetzt werden. Allen Beteiligten ist bewusst, dass weitere Bauabschnitte für das Hauptdach und die Fassade in den Folgejahren kommen müssen. Dabei kann auf die Erfahrungen, die alle Beteiligten gemacht haben, zurückgegriffen werden.

Rückblick
Und noch eins:

60 Jahre nach Kriegsende können wir nur mit Dankbarkeit auf Pfarrer Scholz zurückblicken, der als kuragierter Görlitzer Pfarrer zur richtigen Zeit die richtige Fahne hisste und den heranrückenden russischen Truppen die Stadt Görlitz kampflos übergab. Damit entging Görlitz dem Schicksal von Lauban oder Breslau oder vielen deutschen Städten, die zur Festung erklärt wurden. Die St. Jakobus-Kathedrale ist damit heute eines der fast 4000 Einzeldenkmale, so dass Besucher und Touristen dieser Stadt konstatieren, – sie sei eine der schönsten Städte Deutschlands. 

 

Text und Fotos wurden zur Verfügung gestellt von Ordinariatsrat Thomas Backhaus, dem ehemaligen Leiter der Bauabteilung im Bischöflichen Ordinariat Görlitz.

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