4. Oktober 2015

Vor allem Dankbarkeit – Tag der Deutschen Einheit wird mit ökumensichen Gottesdiensten gefeiert

Kurz vor 15 Uhr läuten am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, die Glocken der evangelischen Frauenkirche, die sich mitten im Stadtzentrum, befindet. Sie läuten lange, sie läuten eindringlich – und sie läuten wie 1989. Menschen mit Kerzen trafen sich damals, zu Friedensgebeten. Menschen gingen auf die Straße, protestierten gegen Bevormundung, Unfreiheit, wollten nicht mehr eingesperrt sein in einem Staat, der vorgab, das Beste für seine Bürger zu wollen und zu tun. Mehrere hundert Menschen erinnerten sich während des ökumenischen Gottesdienstes daran und wie es weiterging nach den turbulenten Herbsttagen 1989, bis zum 3. Oktober 1990.  Während nebenan am Marienplatz auf einer Bühne ein Orchester zu sehen und hören ist, daneben Kinder spielen, sich die Eltern nebenan unterhielten, aus einem Zelt Kaffeeduft strömte, an einem weiteren Zelt  Würste brieten, dominierte in der Frauenkirche das Wort: Dankbarkeit. Vor allem Gott Danke sagen, war das Ziel dieses Gottesdienstes. Die Teilnehmer hörten:

„Auch fünfundzwanzig Jahre danach ist es schier unglaublich, was sich zwischen dem Herbst 1989 und dem 3. Oktober 1990 in Deutschland zugetragen hat. Die jahrzehntelange, durch den Zweiten Weltkrieg verursachte und später im Kalten Krieg verfestigte Teilung unseres Landes, die ein unverrückbares politisches Faktum zu sein schien, wurde überwunden. An die Stelle der Willkürherrschaft der SED, ihrer Missachtung der Freiheitsrechte und ihres repressiven Vorgehens gegen politisch Unliebsame traten auch auf dem Gebiet der einstigen DDR rechtsstaatliche Verhältnisse. Was viele unter uns, die Zeugen dieser Entwicklung wurden, noch ein Jahr zuvor für Phantasterei, ja für schlichtweg unmöglich gehalten hatten, trat ein. Eine Wendung der Dinge, für die wir Gott nicht genug danken können. Und eine Mahnung, dass wir uns auch sonst nicht kleingläubig in den so genannten Realitäten dieser Welt einrichten und mit ihnen abfinden sollen. Was nicht ist, das kann werden, sagt das Sprichwort. „Denn für Gott ist nichts unmöglich“, heißt es in der Bibel (Lk 1,37). Nur wer daran glaubt, hat die Fähigkeit, die Chancen zur Veränderung der Realitäten zu erkennen und zu ergreifen“.

Drei Menschen erzählten ihre Geschichten:

Ein Landtagsabgeordneter, dessen Frau aus dem Westen stammt, der vor Jahren aus einem anderen Land nach Deutschland kam und die längste Zeit in Görlitz verbracht hat, zwei Kinder hat und dankbar ist, für sein Leben und das seiner Familie.

Ein Baufachmann ließ die Geschichte von Gebäuden in Görlitz lebendig werden. Für einige war es fünf vor Zwölf, für einige fünf Minuten danach. Ganze Häuser-Quartiere sollten damals einfallen gelassen werden. Heute erstrahlen viele dieser Häuser in neuem Glanz. Bei 36 DDR-Mark für eine 60 Qudratmeter große Wohnung, in denen die Nebenkosten außer denen für Wasser und Energie bereits enthalten waren, das konnte auf Dauer nicht funktionieren. Aber es gibt auch die andere Seite der Einheit: Fünf Tuchfabriken gab es in Görlitz „von der Rohwolle bis zu den fertigen Stoffen“. Das Kraftwerk und weitere Betriebe konnten nicht mithalten im Wettbewerb. Arbeitslosigkeit ist die Folge, die bis heute nicht kompensiert ist.

Eine Jugendliche, die am 8. Oktober 1999 geboren wurde, einen Tag nach dem „Tag der Republik“ – ist dankbar, „die Meinung frei äußern zu dürfen. Die Freiheit muss verteidigt werden: Das ist die Aufgabe unserer Generation“, sagt sie.

Die Zeugnisse sind eingebettet und werden voneinander abgehoben durch das vierstimmige Magnificat der Gläubigen, von Kirchenmusikdirektor Reinhard Seeliger dirigiert.

Sechs Strophen des „Te Deum“ erklingen, das triumphale Lied des Lobes und des Preisens des großen Gottes.

„So halten wir auch heute inne. So wollen wir auch heute unserer Dankbarkeit und dem Wissen um unsere Verantwortung Ausdruck geben. Dabei leitet uns in diesem Gottesdienst das biblische Bild vom Baum: Die Menschen, die der Gerechtigkeit leben, sagt die Schrift, sind wie ein Baum gepflanzt an den Wasserbächen. Und wir wissen: Bäume sind unverzichtbar im Zusammenhang der Schöpfung, sie tragen dazu bei, dass das Klima auf unserer Erde nicht umkippt. Bäume gewähren wunderbar Raum und Schatten und Ruhe: dem Lebendigen in seiner großen Vielfalt, den Menschen auf ihrem Weg, den schon lange verlässlich Beheimateten und den Heimatsuchenden. Bäume sind auch ein Bild der Entschleunigung. Es muss nicht alles immer schneller gehen, immer besser und immer mehr werden. Das Vorhandene schätzen und teilen – das ist möglich und das ist so wichtig. Die Bibel sagt sogar: Zur Ruhe kommen, loszulassen, an dem Genüge zu haben, das uns geschenkt wird, – das ist die rechte Weise, ein Jubiläum zu feiern“, heißt es in einem vorgetragenen Text.

In seiner Ansprache geht Bischof Wolfgang Ipolt auf den Psalm 1 ein. Es ist die Einleitung in das Buch der Psalmen, der Lieder des alttestamentlichen Gottesvolkes. „Dieser ist zugleich wie eine ,Überschrift‘, eine Mahnung für die Menschen aller Zeiten. Denn: Der ,Frevler‘ und der ,Gerechte‘ – von denen dort gesprochen wird – das sind nur scheinbar zwei Menschengruppen. So einfach kann man die Menschen nicht sortieren.

Meist geht das mitten durch unser eigenes Herz – und auch durch unser ganzes Volk. „Frevler-Sein“ und „Gerecht-Sein“ – das gibt es beides in uns und um uns“, so Bischof Ipolt und: „Beides gibt es wiederum in unserem eigenen Leben – und auch in unserem Volk! Es gibt immer noch – Gott sei Dank! – viele, die Freude haben an der Weisung des Herrn – aber die Zahl derer, die den Weg des Herrn verlassen, wird größer – darüber haben die beiden großen Kirchen zu klagen. Umso wichtiger ist es jetzt: Mutig zu zeigen, dass die ,Weisung des Herrn‘ für uns bedeutungsvoll ist und dass wir aus der Kraft seines Wortes leben. In diesem Punkt sollten wir Christen einig sein – vor den anderen, die seine Weisung nicht kennen. Es ist nicht gleichgültig, auf welches Wort, auf welche Weisung ein Mensch hört!

Gute Früchte wachsen allein dort, wo jemand tief verwurzelt ist in Gott – wie uns das Bild vom Baum lehrt. Ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung unseres Volkes gibt es aus meiner Sicht hohen ,Nachhole-Bedarf‘ in Sachen Glauben. Um solchen Gottesglauben, um Verwurzelung in ihm – darum bete ich heute ganz besonders“, so der Bischof.

Generalsuperintendent Martin Herche erlebt, wie nach 25 Jahren Deutscher Einheit sich dieses Land rasant verändert. Hinsichtlich der Flüchtlingsbewegungen in der Welt, sagt er: „Deutschland und Europa ist und wird nicht mehr so sein, wie es war. Bezüglich der Demonstrationen 1989, wo es hieß: „Schließt euch an“ und jetzt, sagt er zu einigen dieser Demos: „Geht nicht mit!“ Es bleibt dabei: „Keine Gewalt“. Herche spürt „Angst unter uns. Angst auch, dass wir den Aufgaben nicht gewachsen sind. Angst, dass dies nicht mehr unser Land ist in Zukunft. Aber Dankbarkeit öffnet mir die Augen, was uns gelungen ist“.

Zwei Winterlinden sind im Stadtpark gepflanzt worden. Die Kollekte ist für diesen Zweck; 500 Euro hat es gekostet. Die Gottesdienstteilnehmer sind eingeladen, zum symbolischen Wässern der beiden Neupflanzungen in einer Prozession in den Stadtpark zu ziehen. 19 folgen dem Aufruf. Einige Zaungäste gesellen sich dazu. Zwei Eimer werden an der Pumpe des angrenzenden Kinderspielplatzes gefüllt. Superintendent Dr. Thomas Koppehl geht kurz vor dem symbolischen Wässern nochmals auf den Psalm 1 ein. Menschen, die nicht auf dem Weg der Sünder gehen, nicht im Kreis der Spötter sitzen, sind wie einer dieser Bäume, dessen Blätter nicht welken.

Beim Wässern der neuen Bäumen im Stadtpark konnte Bischof Ipolt nicht mehr dabei sein. Er war bereits auf dem Weg nach Meißen, wo er in einem weiteren ökumenischen Gottesdienst predigte. Die Predigt im Wortlaut steht hier.

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