19. September 2023

Vom Stasi-Gelände zum Kloster

Vom Stasi-Gelände zum Kloster

Seit 2017 sind die Zisterzienser wieder im brandenburgischen Neuzelle beheimatet. Nun ziehen sie an einen Ort, der historisch belastet ist.

Ein Beitrag von Oliver Gierens für Die Tagespost.

Das ehemalige Stasi-Gelände wird die neue Heimat der Zisterzienser von Neuzelle. Foto: Oliver Gierens

Das ehemalige Stasi-Gelände wird die neue Heimat der Zisterzienser von Neuzelle. Foto: Oliver Gierens

 

In den letzten Monaten war es noch ein echter „Lost place“: Alte, heruntergekommene Baracken, die Fenster zerborsten, die Fassaden im DDR-Einheitsgrau verwittert, dem Verfall ausgesetzt. Nur ein großes Holzkreuz erinnert daran, was hier in den kommenden Jahren entstehen soll. Die Zisterzienser wollen in Treppeln, einem Ortsteil von Neuzelle, ein neues Kloster bauen – mitten im Wald auf dem Gelände des früheren Forsthauses, abgeschieden, eigentlich ein idealer Ort für kontemplative Mönche. 2017 haben Ordensbrüder aus dem Stift Heiligenkreuz bei Wien auf Einladung des Görlitzer Bischofs Wolfgang Ipolt, zu dessen Bistum die Region gehört, nach über 200 Jahren wieder eine Niederlassung in Neuzelle gegründet, das über fünf Jahrhunderte lang von Zisterziensern geführt wurde, bis die Säkularisation Anfang des 19. Jahrhunderts der Tradition ein Ende setzte. Doch das Stift Neuzelle gehört dem Land Brandenburg, die meisten Gebäude sind durch die landeseigene Stiftung Stift Neuzelle verpachtet. Die barocke Stiftskirche und das Pfarrhaus sind den Mönchen immerhin zur Miete geblieben. Letzteres ist allerdings zu klein, um noch mehr als die momentan acht Ordensleute und zwei Brüder in der Ausbildung in der wachsenden Gemeinschaft unterzubringen, und das Gelände ist durch die vielen Touristen sowie die benachbarten Internatsschüler auch nicht gerade ein Ort der Kontemplation.

Von Verfall und Vandalismus gezeichnet

Daher haben die Zisterzienser nach einem Ort in der Nähe gesucht, an den sie sich zurückziehen können   und trotzdem in der Nähe von Neuzelle sind. In Treppeln wurden sie fündig und treten hier zugleich ein schwieriges Erbe an. 1977 hielt hier das Ministerium für Staatssicherheit der DDR Einzug. Auf dem Gelände entstand ein Ferien- und Kurbetrieb für Stasi-Mitarbeiter, doch das Areal wurde auch militärisch genutzt. Ein ganzer Gebäudekomplex mit teils unterirdischen Gängen sei hier entstanden, erläutert Subprior Pater Kilian Müller OCist im Gespräch mit der „Tagespost“. Abhöreinrichtungen, eine Schießbahn im Keller, Arresträume – genau weiß man nicht, was die Stasi hier alles getrieben hat. Die Aktenlage ist dünn, Zeitzeugen gibt es kaum. Nach der Wende und der Auflösung der Stasi fiel das Gelände an den Landkreis Oder-Spree, danach an die Stiftung Stift Neuzelle, da das Gelände einst zu den Ländereien des Klosters gehört hatte. Es gab einige kurzzeitige Nachnutzungen wie ein Aussiedlerheim für Russlanddeutsche. Danach verfiel der Komplex jahrelang. „Es gab hier viel Vandalismus“, erzählt Pater Kilian. „Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde geklaut.“ Über 40 Tonnen Müll hätten die Mönche mit zahlreichen Helfern von dem Grundstück entfernt.

Die Mönche beten zusammen mit Bischof Wolfgang Ipolt auf dem Gelände bei einem Arbeitseinsatz. Foto: Bistum Görlitz.

 

Die Mönche mit dem Apostolischen Nuntius, Erzbischof Nikola Eterović, beim Holzkreuz im Bereich des Klosterneubaus. Foto: Kloster Maria Friedenshort.

 

Arbeitseinsatz mit bischöflicher Unterstützung für den neuen Klosterbau. Foto: Bistum Görlitz.

 

Dass das ehemalige Forsthaus Treppeln, das später zum Stasi-Komplex wurde, trotzdem genau der richtige Ort für die Mönche ist, zeige sich in der Entfernung zum Stift, sagt Pater Kilian. Zwischen beiden Orten beträgt die Entfernung 11,3 Kilometer   das sind biblisch gesprochen genau 60 Stadien oder ein Emmausweg. Lange habe der Konvent mit dem Land Brandenburg verhandelt, jetzt sind die Mönche die Eigentümer. Am 30. März fand die offizielle Schlüsselübergabe statt. Schon 2021 haben die Zisterzienser mit über 60 Freiwilligen das Areal geräumt, die Gebäude von Wildwuchs freigeschnitten, containerweise Müll aufgesammelt. „Das war ein Gemeinschaftserlebnis in der Corona-Zeit“, erinnert sich Pater Kilian. Auch Leute aus der Region, aus Berlin oder Magdeburg, seien dabei gewesen, ebenso Menschen aus dem Dorf, von denen viele sonst keinen Kirchenbezug hätten. „Im Januar 2021 hatten wir einen Arbeitseinsatz geplant, da lagen 40 Zentimeter Schnee. Trotzdem kamen über 30 Leute“, erzählt der Pater. Dies zeigt: Die Mönche werden in der Region durchaus wahrgenommen. „Die Leute waren trotz des Winterwetters mit Freude dabei, weil hier etwas Neues anfängt“, meint Pater Kilian. „Das ist immer wieder ein bewegendes Erlebnis.“

Mönche erhoffen sich geistliches Wachstum

Doch bis auf dem früheren Stasi-Gelände ein Kloster für die Zisterzienser entsteht, wird noch Zeit ins Land gehen. Für 2025 ist derzeit der Baubeginn geplant. Für das Gelände wird durch die politische Gemeinde Neuzelle ein sogenannter vorhabenbezogener Bebauungsplan erarbeitet, und die Bürokratie braucht ihre Zeit. Auch finanzielle Fragen müssen noch geklärt werden. Jetzt wurden erstmal alle alten Gebäude abgerissen. Das heißt für die Ordensbrüder aber nicht, dass die Vergangenheit damit getilgt wäre. „Der Ort braucht Heilung“, sagt der Subprior. Man wolle das Kloster nicht auf das Fundament der Stasi bauen. „Das Gelände ist historisch belastet. Immer wieder beten wir hier gemeinsam, auch mit Menschen vor Ort.“ Anfang vergangenen Jahres haben die Mönche ein großes Holzkreuz aufgestellt. „Da fahren viele Leute mit dem Fahrrad hin“, erzählt Pater Kilian. Auch wenn das Kloster hier einmal stehen wird, wollen die Zisterzienser an die Geschichte des Ortes erinnern. Wir wollen aber die Identität dieses Ortes nicht von den zehn Jahren prägen lassen, in denen die Stasi hier war“, betont der Ordensmann. Was aber genau in den Kasernen passiert ist, ob hier tatsächlich Menschen interniert waren oder sogar gefoltert wurden, lässt sich aufgrund fehlender Akten und Zeitzeugen nur schwer sagen. „Der liebe Gott weiß es. Und wir hoffen, dass sich Leute melden und sich heilen lassen.“

Mit dem Umzug nach Treppeln erhoffen sich die Mönche auch ein geistliches Wachstum. „Die Intuition war da, dass das neue Kloster ein Aufbruch werden kann“, erklärt Pater Kilian. Und der Wallfahrtsort Neuzelle werde nicht zuletzt durch die Menschen im Ort getragen. „Wir haben hier eine lebendige Gemeinde vorgefunden.“ Die Mönche leben hier mit allen Menschen, die an dem Wallfahrtsort andocken   auch mit Nichtkatholiken. Zudem werde die Ausstrahlung in den Großraum Berlin immer stärker. Jugendgruppen oder der zweite „Adoratio-Kongress“, ein Wochenende rund um die Eucharistische Anbetung, das vor kurzem in der Stiftskirche stattgefunden hat, sorgten für eine wachsende mediale Präsenz, sagt der Subprior. Viele Besucher, so erzählt er, sprechen die Mönche an, weil die Messen aus der Stiftskirche im katholischen Fernsehsender K-TV übertragen werden. „Das ist auch eine Art, wie der Herr Gemeinde baut.“

Text und Fotos: Oliver Gierens

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