27. Juni 2023

Sorbisch, lokal und katholisch

Sorbisch, lokal und katholisch

Die Zeitung der katholischen Sorben „Katolski Posol“ ist 160 Jahre alt. Sie überstand die Repressionen der NS-Zeit und in der DDR. Mit ihrem Glaubenszeugnis ist sie ein wichtiges Forum für die sorbische Gemeinschaft.

 

Sorbische Mädchen in ihrer Tracht bei der Glockenweihe in Dörgenhausen. Foto: Rafael Ledźbor.

 

Zum ursprünglichen Originalbeitrag …

Die Gründung der Vatikanzeitung „L’Osservatore Romano“ im Jahr 1861 – etwa in der Mitte des Pontifikats von Papst Pius IX. – gilt als Reaktion auf die Unabhängigkeitsbestrebungen des Risorgimento, die in der Ausrufung des Königreichs Italien und schlussendlich dem Verlust der weltlichen Macht des Papstes mündeten. Die katholische Zeitung „Katolski Posoł“ (Katholischer Bote), die dieses Jahr auf ihr bereits 160-jähriges Bestehen zurückblicken kann, gründete sich nur zwei Jahre später, mitten in den Wirren, Aufständen und Revolutionen des 19. Jahrhunderts. Auch die Gründung dieses Organs des sorbischen Katholizismus war eine Reaktion – und zwar, wie der langjährige Chefredakteur Pfarrer Gerat Worner bereits anlässlich des 150. Jubiläum betonte, auf eine zunehmende protestantische Hegemonie in der gemeinsam mit den katholischen Sorben gegründeten „Maćica Serbska”. Das war eine wissenschaftliche Gesellschaft, die das Sorbische als Literatursprache standardisieren und die Erforschung der sorbischen Kultur sowie die Verbreitung von Wissen über diese fördern sollte.

Die katholischen Sorben waren damals zahlenmäßig in der Minderheit. Nicht zuletzt wegen ihres guten Drahts zur katholischen Kirche und deren Vertretern in Polen und Prag waren sie jedoch äußerst aktiv, identitäts- und sprachbewusst. Eine bewusst herausgebildete geistige und geistliche Elite trug entscheidend zur Erhaltung der sorbischen Sprache und Kultur bei, während die protestantischen Sorben nicht selten durch den preußischen Staat germanisiert wurden. Die polnische Linguistin Ewa Rzetelsko-Feleszko, Expertin auf dem Gebiet der westslawischen Sprachen, konstatierte bereits 1992, dass die sorbische Identität – im 20. Jahrhundert von den Nationalsozialisten wie von den Kommunisten bedroht – vor allem in sorbischen katholischen Haushalten erhalten geblieben sei. Den Katholizismus machte sie dabei, neben der Sprache, als wichtigen Marker sorbischer Identität aus.

Der Gründer war ein Pfarrer

Zur Gründungszeit des „Katolski Posoł“ war das noch anders. Die Verbreitung volkssprachlicher Bibelübersetzungen sorgte zwar für Landgewinne der protestantischen Seite. Letztlich aber bewies der sorbische Katholizismus mit seiner Sprach- und Identitätspolitik im Zusammenspiel mit seinen polnischen und tschechischen Verbündeten den längeren Atem.

Einer der herausragenden Vertreter dieser sorbischen Katholiken war der in Crostwitz (Chrósćicy) tätige Pfarrer Michal Hórnik, der schon seit seinem 15. Lebensjahr für „Maćica Serbska” aktiv war. Er gründete sowohl den „Katolski Posoł“ als auch den Cyrill-Methodius-Verein, der als eine sorbische Antwort  auf die Verehrung des heiligen Bonifatius als Missionars der Deutschen gedacht war. Der Verein gibt noch heute die Zeitung heraus.  Von seiner Gründung bis in die Gegenwart prägt der „Katolski Posoł“ das Gemeindeleben der sorbischen Katholiken stark.

Bischof Wolfgang Ipolt mit Sorben in Dörgenhausen. Foto: Rafael Ledźbor.

So wurde beispielsweise der Bau der Herz Jesu Kirche in Storcha (Baćoń) von der Zeitschrift und ihrem Herausgeberverein 1869 angestoßen und fast allein durch Spendenaktionen finanziert. Während des NS-Regimes wurde der Cyrill-Methodius-Verein, wie auch andere sorbische Vereine, verboten. In der DDR oblag der eigentlich wöchentlich erscheinende „Katolski Posoł“ dann zwar strenger Zensur und durfte – offiziell wegen Papiermangel – nicht mehr als zwölf Seiten pro Monat drucken. Doch war er auch und gerade damals ein für sorbische Katholiken wichtiges Medium. „Die Leute haben den Katolski Posoł trotzdem als ihre Zeitung wahrgenommen“, erklärt Rafael Ledźbor, Redakteur und einer der drei Mitarbeiter der Wochenzeitung, gegenüber der Tagespost. Dies sei immer noch der Fall – so habe der „Katolski Posoł“ im Verhältnis zur Größe seiner potenziellen Leserschaft eine außerordentlich hohe Auflage.

Auch die in der allgemeinen Presselandschaft so beklagten Abonnentenrückgänge erlebe die heute von Pfarrer und Chefredakteur Michał Anders geführte Zeitung nur in geringem Ausmaße, so Ledźbor. Es kämen sogar neue Abonnenten hinzu, nicht selten sogar mittleren Alters, wenn auch das Gros der Leser, wie bei der katholischen Presse üblich, älter sei. Dennoch verfügt der „Katolski Posoł“ über eine Jugendseite und eine rege rezipierte Kinderseite. Kinderreichtum, erzählt Ledźbor, sei unter Sorben ohnehin nicht selten und werde nicht kritisch beäugt, sondern sei vielmehr Normalität. Der Aufmacher der Zeitung ist für gewöhnlich die Auslegung des Tagesevangeliums. Dann folgen Berichte über die Weltkirche, den Papst und die Kirche in Deutschland. Über kirchenpolitisch kontrovers diskutierte Themen versuche der „Katolski Posoł“ eher nüchtern statt beurteilend zu berichten, betont Ledźbor.

Nah bei den Lesern vor Ort

Einen Schwerpunkt sehe die Zeitung darin, bei lokalen Debatten eine Rolle als vermittelnder Moderator einzunehmen. Und natürlich wird regelmäßig  über das katholische Leben in der Region berichtet – jüngst zum Beispiel über einen Chorauftritt des Sorbischen Gymnasium im Vorfeld des Klosterfests anlässlich des 775-jährigen Jubiläums des für Katholiken in der Region kulturell bedeutsamen Klosters Sankt Marienstern in Panschwitz-Kuckau (Pančicy-Kukow). Darüber hinaus porträtiert oder interviewt der „Katolski Posoł“ Gemeindemitglieder, bringt historische Rückblicke und dokumentiert Kulturveranstaltungen, Glaubensfeste, Prozessionen und Wallfahrten – so etwa zum geistlichen Zentrum der sorbischen Katholiken, dem Marienwallfahrtsort Rosenthal (Róžant) bei Kamenz,  „sozusagen unser Altötting“, wie Ledźbor erklärt.

So bietet der „Katolski Posoł“ seinen Lesern ein authentische Glaubenszeugnis und versteht sich als lebendiges, immer im Kontakt mit den Menschen stehendes Lokalmedium und katholischen Informationskanal. Damit nimmt die Zeitung, nicht nur weil sie in sorbischer Sprache geschrieben ist, sondern auch weil  Lokalredaktionen immer öfter zusammengelegt werden und damit die Pressevielfalt auf dem Land immer mehr abnimmt, eine besondere Stellung in der Presselandschaft ein, die sich großer Wertschätzung erfreut. So ein Wert hat bekanntlich aber auch seinen Preis – wenn auch eine von den Ländern getragene Stiftung und die Kirche den „Katolski Posoł“ finanziell unterstützt, so bedeutet seine wöchentliche Herausgabe nach wie vor viel Arbeit für die dreiköpfige Redaktion, die Gestaltung, Redaktion und Vertrieb im Alleingang stemmt. Wenn er zu einem Termin käme, erzählt Redakteur Rafael Ledźbor, der nebenbei auch in seiner Pfarrgemeinde vielfältig engagiert ist, würden die Leute in der Regel eher sagen, dass jetzt der „Katolski Posoł“ da sei und nicht etwa der Rafael. Die gefühlte Personalunion ginge so weit, dass sogar seine Tochter früher in der Schule einmal von Mitschülern als „Tochter des ,Katolski Posoł’“ identifiziert worden sei, berichtet Ledźbor lachend.

Wirklich freie Tage habe er selten – dafür gibt es Anerkennung seitens der Leser, die dann auch gerne mal persönlich in der Redaktion anrufen. „Katolski Posoł“ ist also sorbisch und katholisch, lokal und überregional und vor allem: mit einer Menge Herzblut und aus dem Glauben heraus geschrieben.

Man kann den „Katolski Posol“ auch im Internet besuchen. Die Homepage der Zeitung findet sich unter: posol.de

 

Ursprüngliche Veröffentlichung: Die Tagespost

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