1. Mai 2015

„Nie wieder Krieg“ – so schallt es über den Waldfriedhof in Halbe, auf dem 120 Gefallene des Zweiten Weltkriegs 70 Jahre nach dessen Ende würdig bestattet werden

Auf dem Waldfriedhof in Halbe herrscht am Morgen des 29. April weitgehend Stille. Durch die eng stehenden Bäume fallen Sonnenstrahlen auf die Rasenfläche, in die in gleichmäßigen Abständen kleine Steintafeln eingelassen sind. Ein friedlicher Ort – ein Fried-Hof, auf dem etwa 30 000 Menschen bestattet sind. Einige Meter weiter stehen in Reih und Glied 120 kleine Särge, die auf ihre Beisetzung warten, beschriftet mit Zahlen. Ein langes Grab ist ausgehoben. Auf dem Boden sind rote Markierungen aufgesprüht worden, jeder Platz ist festgelegt. Vorbereitet wurde dies vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. In vielen Ländern haben sie Friedhöfe angelegt, sorgen bis heute dafür, dass die Gebeine von Verstorbenen, die noch immer –sieben Jahrzehnte nach Kriegsende – gefunden werden, würdig bestattet werden. Meist geschieht dies, auch in Halbe, ohne größere Feierlichkeiten, ohne dass Fernsehkameras und Teleobjektive von Journalisten auf dieses Geschehen gerichtet sind. Heute ist dies anders; das Geschehen von vor 70 Jahren wird den Menschen nochmals vor Augen geführt, wird anhand der 120 aufgebahrten Toten der vielen weiteren anonymen Kriegsopfer gedacht.

Auf Deutschlands größte Kriegsgräberstätte in Halbe, im Dahme-Spreewald-Kreis, strömen immer mehr Menschen, darunter viele Jugendliche. Einige von ihnen verharren vor den aufgereihten Särgen, bevor sie zu der Stelle gehen, wo in wenigen Minuten der Ökumenische Gottesdienst beginnen wird. Weit über 1000 Menschen sind aus vielen Ländern gekommen, um Anteil zu nehmen. Unter ihnen Angehörige der hier Bestatteten. Ehemalige Soldaten, die in Uniformen mit Fahne und Standarten zur Bühne wollen, auf der auf einem Altar zwei Kerzen an einem Kreuz stehen – daneben dominierend die Osterkerze – werden gebeten, sich abseits zu positionieren. Der erste Teil der Feier ist dem Gottesdienst vorbehalten. Zu Beginn sagt Bischof Wolfgang Ipolt unter anderem: „Es ist ein schönes Zeichen, dass die Kirchen eingeladen worden sind, vor der Einbettung einen Gottesdienst zu feiern. Das kann uns an etwas erinnern, was der Apostel Paulus einmal so ausgedrückt hat: „Ob wir leben oder ob sterben wir gehören dem Herrn.“ (Römer 14,8) Wir Christen vertrauen darauf, dass wir, die Lebenden, und auch die Toten in Gottes Hand sind. Daher kommt die Würde, die jeder Mensch hat – wir haben sie uns nicht selbst gegeben. Gott schaut uns an – von ihm kommt unser Ansehen – im Leben und im Tode. Möge diese Feier dazu beitragen, den Respekt vor den Toten in jedem Menschen zu stärken. Möge dieses Gedenken aber auch den Willen zum Frieden und zur Versöhnung zwischen den einst verfeindeten Völkern wachsen lassen“.

Der Bischof der Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Bischof Dr. Markus Dröge, predigt über Jeremia 29,11-14a. Dort heißt es: „Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, des ihr wartet. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangen­schaft wenden.“

Bischof Dröge sagt unter anderem: „Was die Menschen im Krieg erlebt haben, das bleibt. Aber es bleibt nicht die einzige Wirklichkeit im Leben. Heilsame Gedanken können entstehen durch die Erfahrung, dass das Leben siegt, durch den Zuspruch von anderen, durch die Erfahrung von vergebener Schuld. All das geht nicht von heute auf morgen. Und es geht nie ganz. Die Differenz bleibt zwischen einem Leben, das gekennzeichnet ist von den Erfahrungen des Krieges; und den Gedanken des Friedens, die Gott über unser Leben hat.

An einem Tag wie heute bricht die Erinnerung wieder auf. Die Erinnerung an das Leid und den Schrecken des Krieges. Aber wir können sicher sein: Gott lässt uns mit unseren Gedanken nicht allein“. Die vollständige Predigt lesen Sie hier.

In den Fürbitten wird deutlich, dass bei allen menschlichen Bemühungen um Frieden dieser von Gott erbeten werden muss: Herr, erbarme dich über diese Welt, die voller Kriege, Leid und Tränen ist: Gib du uns deinen Frieden!

Nach dem  Gedenkgottesdienst begeben sich die Teilnehmer zum Grab, das die 120 Toten aufnehmen soll. An einem Kreuz aus Birkenstämmen stehen zwei Bundeswehrsoldaten Ehren-Wache. Schüler legen Blumen auf den Särgen ab, auf denen Kreideziffern stehen. Für eine Frau steht hinter einer Zahl ihr Schicksal. In einem der Särge sind die sterblichen Überreste ihres Vaters. Sie hat ihn nie kennengelernt, aber immer wieder an ihn gedacht. Als sie vor kurzem die Nachricht bekam, dass es sich bei einem Toten, der gefunden wurde, anhand der Erkennungs-Marke, um ihren Vater handelt, findet mit diesem Tag, mit dieser Bestattung, einen gewissen Abschluss.

Neben den Särgen ist eine lange Reihe von Kränzen aufgereiht. Je ein Vertreter, der einen Kranz mitgebracht hat, wird aufgefordert, sich vor ihn zu stellen. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier richtet die Schleife, tritt kurz danach an das Rednerpult. Seine Rede beginnt er mit den Worten:

„Stille.

Das ist es, wovon viele Menschen berichten, die das Kriegsende erlebt haben. Die Stille, die eintrat, als die Granaten nicht mehr explodierten und die Tiefflieger nicht mehr heulten. Die Stille, als die Kanonen schwiegen und die Schreie von Sterbenden verhallt waren. Stille. So wie jetzt, hier auf dem Waldfriedhof in Halbe.

Für die Überlebenden vor 70 Jahren kam die Stille wie eine Erlösung. Über den Grabstätten derer, die nicht überlebt haben, ist es bis heute still.

Vielleicht zu still?“

Die vollständige Rede ist hier.

Markus Meckel, der Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., ehemaliger Außenminister, sagt in seinem Grußwort unter anderem:

„Heute stehen wir hier gemeinsam, damalige Sieger und Besiegte. Wir trauern um die Toten und sind dankbar für die vielfältige Versöhnung, die das möglich gemacht hat – auch wenn dem Krieg noch ein Jahrzehnte langer Kalter Krieg folgte.

Der Befreiung folgte in diesem Teil Deutschlands nicht die Freiheit. Die Toten des Speziallagers Ketschendorf, die auch auf diesem Friedhof ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, sind Zeuge davon“.

Sein vollständiges Grußwort steht hier.

Nun werden die Särge von Soldaten der Bundeswehr an das Grab gebracht. An beiden Enden der Grube beginnt die Einbettung. Am Ende werden sich die Soldaten in der Mitte treffen und die letzten der 120 Toten in die Erde legen.

Pfarrer Jürgen Behnken aus Märkisch Buchholz leitet die Andacht. In seiner Ansprache sagt er unter anderem:

„Nie wieder Krieg. Es ist ein hohes Ziel. Vielleicht zu hoch. Heute sind Soldaten wieder in vielen Ländern unterwegs um den Frieden zu sichern – auch mit Waffen. Und auch heute sterben wieder Soldaten. War das Ziel zu hoch gesteckt? „Vom deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen.“, so sagten Politiker in beiden deutschen Staaten einhellig. Vielleicht ist dieses Ziel schon eher einzuhalten. Doch es entbindet uns nicht von der Überzeugung der Menschen am Ende des Zweiten Weltkrieges: ,Nie wieder Krieg‘.“

Die Ansprache von Pfarrer Behnken steht hier im vollen Wortlaut.

Ein Vorgänger von Pfarrer Behnken, Pfarrer Ernst Teichmann ist es zu verdanken, dass dieser Friedhof angelegt werden konnte. Ein kleines Kreuz erinnert an ihn.

Nach der Feier treten Teilnehmer näher an das Grab heran, legen Blumen ab. Eine Schulklasse möchte ein Foto mit dem Außenminister. Der erfüllt den Wunsch der jungen Leute, redet mit ihnen. Viele ältere Menschen haben Tränen in den Augen. Die Hände eines alten Mannes können die Blumen kaum halten, so sehr zittern sie. Andere wollen reden über das, was sie nie verarbeitet haben. Oder bis heute nicht konnten. Eine Frau sucht noch immer die sterblichen Überreste ihres Vaters – er gilt weiterhin als vermisst. Einen Zettel hat sie mitgebracht, will ihn in dem kleinen Andachtsraum anbringen. In einem Gedenkbuch auf einem polnischen Soldatenfriedhof fand sie vor einiger Zeit den Namen ihres Vaters; auf den Gedenktafeln steht er nicht. Sie kann bisher an keinem Grab trauern. Mit dieser Ungewissheit reist sie nach Halbe. Sie hofft, dass sie das Grab ihres Vaters findet, vielleicht an diesem Ort. Einige hundert Meter weiter steht Markus Meckel neben dem russischen Botschafter in Deutschland, Wladimir Michailowitsch Grinin, vor Gräbern russischer Soldaten. Aus dem lange dauernden Händedruck, den Gesten, der Mimik der beiden Männer können Umstehende entnehmen: Nie wieder darf so etwas geschehen!

Vor dem Friedhof erinnert eine neue Freiluft-Ausstellung auf großen Tafeln an die Kesselschlacht von Halbe, zeigt in Texten und Bildern die Grausamkeit von Krieg und Gewalt, von sinnlosem Sterben und viel zu frühem Tod von Menschen, deren einziger Wunsch es war, zu über-leben.

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