5. März 2016

Kerzen als Zeichen für Mit-Menschlichkeit

Kerzen als Zeichen für Mit-Menschlichkeit

„Licht an für Mitmenschlichkeit“, unter diesem Motto bilden hunderte Menschen eine fast ein Kilometer lange Lichterkette in der Görlitzer Innenstadt

Menschen mit Kerzen in den Händen laufen, besser: sie spazieren, flanieren, am gestrigen Abend zwischen der evangelischen Frauenkirche und dem Görlitzer Hauptbahnhof. Das Bild erinnert an Volksfeste, wenn die Kerzen in den Händen der Teilnehmer nicht wären. Bis 18 Uhr ist eine durchgehende Lichterkette gebildet worden. Ordner entlang der fast ein Kilometer langen Strecke, die zuvor Kerzen in Bechern verteilten, sorgen dafür, dass die Kette steht. Mit dieser soll ein Zeichen für Menschlichkeit gesetzt werden.

Aufgerufen haben zu der Aktion: „Licht an für Mitmenschlichkeit“ die Evangelische Innenstadtgemeinde Görlitz und der Förderverein Kulturstadt Görlitz-Zgorzelec e. V. Um 17 Uhr begann diese Aktion mit einem Gottesdienst in der evangelischen Frauenkirche. Die war bis auf den letzten Platz belegt; Menschen standen bis draußen. Das gab es seit den Friedensgebeten 1989 kaum. Vor dem Eingang waren Helfer damit beschäftigt, Kerzen an die Gottesdienst-Teilnehmer und an Passanten, die dazu bekommen sind, zu verteilen. Unter die Menschenmenge mischte sich eine Gruppe von Muslimen. Bekleidet sind sie mit einheitlichen weißen T-Shirts, mit hellblauen Aufdrucken. „Muslime für Frieden“ steht vorn, „Liebe für alle – Hass für keinen“ steht hinten drauf, darunter ein Internet-Adresse. Sie kommen aus Freiberg, Berlin, Frankfurt… Einer der Teilnehmer ist Said Ahmed Arif. Er ist islamischer Theologe und Imam, kommt aus Berlin, dort von der Kadija Moschee. Er äußert sich zu seiner Teilnahme so: „Wir haben sehr wenige Muslime hier, sind darum aus vielen Ortschaften hierher gekommen. Wir wollen zeigen: Statt über die Muslime zu sprechen, kann man mit uns Muslimen direkt sprechen. Wir wollen für Begegnung sorgen und signalisieren, dass wir genauso für Frieden sind, wie jeder andere Mensch. Die T-Shirts sind dafür unser klares Bekenntnis“. Kerzen tragen sie nicht. Dazu sagt der Imam: „Das ist bei uns nicht üblich, in unserer Theologie. Wir signalisieren es durch unsere T-Shirts. Und sind voll dabei für das Friedensgebet. Wir beten jedenfalls“. Gegen Kerzen sei man „keinesfalls: Wir werden kein Kerzenlicht auspusten“, sagt der Imam.

Bischof Wolfgang Ipolt begleitet den Zug, zündet Kerzen an, spricht mit den Menschen, so auch mit den Muslimen. Am Ende der Veranstaltung sagt er: „Viele Bürger unserer Stadt haben heute Abend ein großartiges Zeichen gesetzt. Menschen, die Lichter in den Händen tragen, sind friedlich und strahlen Offenheit, Zuversicht und Hoffnung aus. Das tut unserer Stadt gut und auch denen, die als Fremde und Flüchtlinge zu uns kommen. Als Bischof des Bistums Görlitz bin ich darum sehr froh über diese Initiative und habe mich gern selbst mit einigen meiner Mitarbeiter daran beteiligt. Möge das Zeichen, das wir heute Abend gesetzt haben, weiter wirken in unserem Denken und Reden und in einer Haltung echter Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe. Es ist auf jeden Fall besser, ein Licht anzuzünden, als über die Finsternis zu klagen. In diesem Punkt sollte man auf uns Christen immer zählen können!“

Der Görlitzer Oberbürgermeister Siegfried Deinege, der bei seinem diesjährigen Neujahrsempfang eine solchen Aktion angeregt hatte, zeigt sich in seiner Ansprache zum Abschluss der Veranstaltung zufrieden. Er sagt: „Das ist ein eindeutiges Zeichen, dass die Görlitzer Humanität wollen.“ Er mahnt dazu, dass sich Menschen mit Achtung begegnen sollen und fair miteinander umgehen und friedlich mieinander streiten.

Michael Kretschmer, der als Bundestagsabgeordneter der CDU und Generalsekretär der Sächsischen Union Verantwortung trägt, sagte nach der Veranstaltung. „In Zeiten, wo es schwierig ist, zeigt sich, wer Haltung hat und wer seinem Christsein Ausdruck gibt. Das war heute der Fall. Die Menschen sind mit Kerzen auf die Straße gegangen, mit dieser Lichterkette, um zu zeigen: Wir wollen anständig miteinander umgehen. Wir wollen zusammenhalten. Und wir wollen nicht, dass sich Görlitz spaltet. Die Kirchen haben daran einen ganz wesentlichen Anteil. Das ist wunderbar. Ich bin nicht in Sorge, dass Menschen kommen, die einen anderen Glauben oder eine andere Kultur haben. Sorge muss man nur dann haben, wenn wir selber nicht mehr sicher sind, welche Kultur, welchen Glauben, welche Werte wir haben und vertreten. Dass besonders die Kirchen sich heute so engagiert haben, ist ein ganz tolles Signal, das von Görlitz aus gesendet wird.

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