26. April 2023

Generalvikar Markus Kurzweil im Interview über das Bistum Görlitz

Generalvikar Markus Kurzweil im Interview über das Bistum Görlitz

Generalvikar: Ohne Finanzhilfen kann das Bistum Görlitz nicht überleben

Interview auf katholisch.de

Generalvikar Markus Kurzweil. Foto: Bistum Görlitz

Erstveröffentlichung: Katholisch.de 24.04.2023 UM 00:01 UHR – VON STEFFEN ZIMMERMANN

 

Seit einem Jahr ist Markus Kurzweil Generalvikar des Bistums Görlitz. Im Interview mit katholisch.de spricht er ausführlich und schonungslos über die schwierige finanzielle Lage seiner Diözese. Vor allem der absehbare Wegfall der Finanzhilfen der westdeutschen Bistümer sei eine existenzielle Bedrohung, der Fortbestand des Bistums auf Dauer nicht gesichert. Der Generalvikar erläutert, um wie viel Geld es genau geht, was er sich von den anderen Bistümern erhofft und was der Apostolische Nuntius zu einer möglichen Auflösung der kleinsten deutschen Diözese sagt. Außerdem spricht Kurzweil, der zuvor mehrere Jahre lang das Seelsorgeamt seines Bistums geleitet hatte, über den Synodalen Weg, das Kloster Neuzelle und seine eigenen Karriereambitionen.

Frage: Herr Kurzweil, seit einem Jahr sind Sie Generalvikar von Görlitz. Haben Sie die Übernahme dieser Aufgabe in den zurückliegenden Monaten mal bereut?

Kurzweil: Nein, das nicht. Allerdings stand mein Start in die neue Aufgabe zunächst unter keinem guten Stern, weil mein designierter Nachfolger in der Leitung des Seelsorgeamtes den Posten letztlich doch nicht übernahm und ich das Amt deshalb parallel zu meiner neuen Tätigkeit noch eine Zeit lang weiterführen musste. Das Seelsorgeamt am Laufen zu halten und mich gleichzeitig in die Themen eines Generalvikars einzuarbeiten, war schon sehr mühsam und auch belastend.

Frage: Diese Doppelbelastung besteht inzwischen aber nicht mehr, oder?

Kurzweil: Nein, inzwischen haben wir einen neuen Leiter für das Seelsorgeamt gefunden, und das entwickelt sich ganz prächtig, wie ich finde. Darüber bin ich sehr glücklich.

Frage: Ihr Vorgänger Alfred Hoffmann hat nach dem Ende seiner Amtszeit beklagt, dass man als Generalvikar weit entfernt von den Menschen sei; das habe er unterschätzt, als er das Amt annahm. Wie sieht das bei Ihnen aus? Vermissen Sie schon den Kontakt zu den Gläubigen und die Tätigkeit als Seelsorger?

Kurzweil: Natürlich bin ich als Generalvikar vor allem mit Verwaltungsaufgaben befasst, klassische Seelsorgetätigkeiten eines Gemeindepfarrers kommen in meinem Alltag kaum noch vor. Ich bemühe mich aber, trotzdem in engem Kontakt mit den Gläubigen zu bleiben, denn ihnen soll die Arbeit unseres Ordinariats schließlich zugutekommen. Ich bin zum Beispiel immer noch regelmäßig im ganzen Bistum für Gottesdienstvertretungen unterwegs, da treffe ich natürlich mit vielen Menschen zusammen. Und auch sonst geht es in unserem kleinen Bistum ja durchaus familiär zu, das hilft ebenfalls bei der Kontaktpflege. Insofern kann und will ich mich nicht über mein Amt beklagen.

„Ohne eine finanzielle Unterstützung durch die anderen Bistümer wird das Bistum Görlitz auf Dauer nicht bestehen können.“

—  Zitat: Generalvikar Markus Kurzweil

Frage: Als Generalvikar haben Sie umfassenden Einblick in alle Themen, die das Bistum betreffen. Was ist derzeit die größte Herausforderung für Ihre Diözese?

Kurzweil: Die größte Herausforderung ist ohne Zweifel die finanzielle Situation des Bistums. Vor allem das bevorstehende Ende des Strukturbeitrags bedeutet für unser Bistum eine existenzielle Bedrohung.

Frage: Der Strukturbeitrag, das muss man vielleicht erklären, ist eine Art kirchlicher Länderfinanzausgleich, über den die westdeutschen Bistümer die ostdeutschen Diözesen finanziell unterstützen. Nach gut drei Jahrzehnten soll diese Unterstützung laut den derzeitigen Plänen nach 2025 komplett wegfallen. Neben Magdeburg wäre Ihr Bistum davon am stärksten betroffen.

Kurzweil: Genau. Und um die Dimension zu verdeutlichen, um die es geht: In unserem Bistum machen die Zuwendungen aus dem Strukturbeitrag rund ein Drittel unserer laufenden Erträge aus, derzeit sind das rund 4,4 Millionen Euro. Ohne dieses Geld wäre unser Bistum langfristig nicht überlebensfähig. Wir würden dann in absehbarer Zeit Haushaltsdefizite schreiben, unser Eigenkapital aufzehren und irgendwann zahlungsunfähig sein.

Frage: Das heißt, mit Blick auf das geplante Ende des Strukturbeitrags nach 2025 ist der weitere Fortbestand Ihres Bistums akut gefährdet?

Kurzweil: Ja, ohne eine finanzielle Unterstützung durch die anderen Bistümer wird das Bistum Görlitz auf Dauer nicht bestehen können.

Bild: ©katholisch.de

Es gibt durchaus Stimmen, die dem Bistum Görlitz aufgrund der geringen Zahl an Katholiken die Existenzberechtigung absprechen.

Frage: Welche Einsparmöglichkeiten haben Sie? Gibt es „Tafelsilber“, das Sie veräußern könnten?

Kurzweil: Nein. Unser Bistum betreibt keine Schulen und keine Krankenhäuser, wir haben keine Akademie und auch kein Dommuseum. „Tafelsilber“, wie es vielleicht noch in anderen Diözesen vorhanden ist, haben wir – auch historisch bedingt – nie besessen. Es ist für uns deshalb völlig unmöglich, 4,4 Millionen Euro einzusparen; wir haben dafür keinerlei Spielraum. Zumal wir ja auch eine Verantwortung für unsere Gläubigen haben. Mal zum Vergleich: Im Erzbistum Köln leben rund 1,8 Millionen Katholiken auf gut 6.000 Quadratkilometern, bei uns sind es 30.000 Katholiken auf 10.000 Quadratkilometern. Um diese große Fläche und die darauf verstreut lebenden Gläubigen müssen wir uns kümmern – und wir können schon heute nur eine seelsorgliche Grundversorgung anbieten. Noch weniger wäre nicht zu verantworten.

Frage: Nun gibt es durchaus Stimmen, die dem Bistum Görlitz aufgrund der geringen Zahl an Katholiken die Existenzberechtigung absprechen. Die meisten westdeutschen Pfarreien, so heißt es dann oft, seien gemessen an der Zahl der Katholiken größer als Ihre gesamte Diözese. Ein eigenständiges Bistum Görlitz sei deshalb ein Luxus, den man sich in Zukunft vielleicht nicht mehr leisten könne. Was sagen Sie dazu?

Kurzweil: Klar, solche Stimmen gibt es. Das ich das komplett anders sehe, wird Sie nicht überraschen. Und zum Stichwort „Luxus“: In unserem Ordinariat arbeiten 25 Mitarbeiter, von denen viele gar keine volle Stelle haben. Abteilungen bestehen bei uns maximal aus zwei bis drei Personen, und viele Mitarbeiter haben gleich mehrere Funktionen inne. Unser Justiziar zum Beispiel ist zugleich der Präventionsbeauftragte und der oberste Datenschützer unseres Bistums und auch für alle Versicherungsfragen zuständig. Kostensparender geht es nicht. Die Einsparungen, die man durch eine Auflösung unseres Bistums erreichen würde, wären mit Blick auf die gesamte Kirche in Deutschland lächerlich gering. Zumal das Bistumsgebiet ja auch nach einer Auflösung der Diözese weiter betreut und verwaltet werden müsste. Im Übrigen: Wir haben die Frage einer Auflösung unseres Bistums vor gut drei Jahren einmal mit dem Apostolischen Nuntius diskutiert – und haben von ihm die klare Aussage bekommen, dass der Vatikan keinerlei Pläne hat, eine Diözese, die erst 1994 gegründet wurde, gut 30 Jahre später schon wieder aufzulösen.

„Nach meinem Eindruck ist der Synodale Weg für viele Gläubige, die sonntags zum Gottesdienst kommen, in der Tat kein zentrales Thema.“

—  Zitat: Generalvikar Markus Kurzweil

Frage: Die Frage, ob nach dem Ende des Strukturbeitrags ein alternatives Modell der interdiözesanen Solidarität etabliert wird, wird im zuständigen Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) derzeit intensiv diskutiert. Was hören Sie von dort? Und was würden Sie sich als Lösung wünschen?

Kurzweil: Derzeit gehen die Überlegungen dahin, die Unterstützung nicht mehr nur auf den Osten zu konzentrieren. Stattdessen will man im VDD wohl ein System entwickeln, das alle Bistümer in den Blick nimmt und im Bedarfsfall schnell finanzielle Unterstützung leisten kann. Das kann ich grundsätzlich nachvollziehen. Mit Blick auf unsere Situation kann ich aber nur wiederholen, dass wir ohne signifikante Finanzhilfen nicht überleben können. Insofern hoffe ich, dass wir auch in Zukunft mit der Solidarität vor allem der finanzstarken westdeutschen Diözesen rechnen können.

Frage: Wie optimistisch sind Sie diesbezüglich?

Kurzweil: Wir empfangen von den Verantwortlichen beim VDD durchaus ermutigende Signale. Man ist sich dort, so nehme ich es wahr, der eigenen Verantwortung sehr bewusst. Und man ist auch bereit, Berechnungsmodelle zu erarbeiten, die unserer finanziellen Lage angemessen sind. Weitergehende Vorhersagen traue ich mir derzeit aber noch nicht zu – zumal am Ende auch die Finanzdirektoren der Geberbistümer einer Lösung zustimmen müssen. Und das könnte noch eine gewisse Herausforderung werden.

Frage: Ihr Bischof hat vor einiger Zeit im Gespräch mit katholisch.de gesagt, dass der Synodale Weg und die dort verhandelten Themen für die Gläubigen des Bistums Görlitz keine große Rolle spielten. Wie sieht das jetzt – nach dem vorläufigen Ende des Reformprozesses – aus? Wird über die Beschlüsse des Prozesses und die Frage der Umsetzung in Ihrer Diözese diskutiert?

Kurzweil: Nach meinem Eindruck ist der Synodale Weg für viele Gläubige, die sonntags zum Gottesdienst kommen, in der Tat kein zentrales Thema. Etwas anders sieht es bei denjenigen aus, die – etwa durch ein Ehrenamt – stärker in der Kirche engagiert sind. Zuletzt haben wir bei der Frühjahrsvollversammlung unseres Diözesanrats über einige Beschlüsse des Synodalen Wegs diskutiert und uns dabei auch angeschaut, wie synodal unsere vorhandenen diözesanen Gremien heute schon aufgestellt sind und was wir in dieser Hinsicht eventuell noch verbessern können.

Frage: Einige Bistümer haben bereits sehr konkrete Ankündigungen gemacht, welche Reformbeschlüsse des Synodalen Wegs sie in ihrem Zuständigkeitsbereich umsetzen wollen. Aus Ihrem Bistum hat man dazu bislang noch nichts gehört …

Kurzweil: Das stimmt, wir haben uns diesbezüglich noch nicht öffentlich positioniert. Wir wollen uns in absehbarer Zeit in der Bistumsleitung und den verschiedenen Gremien unseres Bistums zunächst einzelne Beschlüsse des Synodalen Wegs genauer anschauen und prüfen, welche Relevanz sie überhaupt für uns haben. Dabei müssen wir immer die jeweiligen Bedürfnisse vor Ort zum Maßstab nehmen. Nehmen Sie etwa den Beschluss des Synodalen Wegs zur Beauftragung von Laien für die Taufe: Bei der geringen Zahl von Taufen in unserer Diözese sehe ich dafür bei uns schlicht keine Notwendigkeit.

Bild: ©Zisterzienserpriorat Neuzelle / Dante Busquets

2018 wurde das Kloster Neuzelle auf dem Gebiet des Bistums Görlitz von Zisterziensern aus dem österreichischen Stift Heiligenkreuz neu gegründet.

Frage: Ganz im Norden Ihres Bistums liegt das Kloster Neuzelle, das 2018 nach rund 200 Jahren neu von Zisterziensermönchen besiedelt wurde. Welche Rolle spielt das Kloster heute – fünf Jahre später – für Ihre Diözese?

Kurzweil: Das Kloster hat sich nach der Ankunft der Zisterzienser sehr schnell zu einem kraftvollen geistlichen Zentrum auf dem Gebiet unseres Bistums entwickelt. Es wurden dort in den vergangenen Jahren viele spirituelle Angebote etabliert, die auch von Gläubigen aus anderen Bistümern gut angenommen werden. Sehr erfreulich ist zudem, dass das Kloster bereits erste Berufungen verzeichnen konnte – junge Männer, die aufgrund der Präsenz der Zisterzienser in Neuzelle den Entschluss gefasst haben, selbst in den Orden einzutreten. Die Gemeinschaft wächst also, das ist ein tolles Zeichen.

Frage: Werden die Mönche künftig im Bistum noch eine stärkere Rolle spielen? Wenn ja, wie könnte die aussehen?

Kurzweil: Im Norden unseres Bistums spielen sie ja bereits eine starke Rolle. Beispielsweise haben sie inzwischen auch die Seelsorge im benachbarten Eisenhüttenstadt übernommen. Und ich gehe fest davon aus, dass die Mönche perspektivisch noch stärker in die pastorale Verantwortung unserer Diözese einbezogen werden.

Frage: Kommen wir zum Schluss noch einmal zu Ihnen: Sie sind mit Anfang 40 der jüngste Generalvikar Deutschlands und haben bislang mindestens nach weltlichen Maßstäben eine Bilderbuchkarriere hingelegt. Wie geht es für Sie weiter? Was hält die Karriereleiter noch für Sie bereit?

Kurzweil: Also, von einer Karriereleiter würde ich nicht sprechen wollen; ich bin gar nicht der Typ, der es auf eine klassische Karriere abgesehen hat – und das sage ich nicht nur so dahin. Als Bischof Ipolt mich gefragt hat, ob ich bereit wäre, das Amt des Generalvikars zu übernehmen, habe ich ihn zunächst gebeten, nach einem anderen Kandidaten Ausschau zu halten. Erst als das nicht gelungen ist, habe ich mich nach einigen schlaflosen Nächten doch zur Übernahme des Amts bereit erklärt. Für die nächste Zeit bin ich nun also Generalvikar. Ich hoffe aber schon, dass ich eines Tages wieder in die praktische Seelsorge zurückkehren kann.

Frage: In der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts werden mehrere ostdeutsche Bischofsstühle frei, weil die derzeitigen Amtsinhaber – darunter auch Ihr Bischof – dann die Altersgrenze von 75 Jahren erreichen. Ist das etwas, über das Sie mit Blick auf Ihre eigene Zukunft nachdenken?

Kurzweil: Ganz ehrlich: Überhaupt nicht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sich jemand in dieser für unsere Kirche und insbesondere auch für unsere Bischöfe so herausfordernden Zeit nach einem solchen Amt sehnt. Ich jedenfalls tue es nicht.

Von Steffen Zimmermann

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