20. Februar 2021

„Unsere Hoffnung ist unerschütterlich“ – Fastenhirtenbrief von Bischof Wolfgang Ipolt

Der diesjährige Fastenhirtenbrief von Bischof Wolfgang Ipolt, den er unter die Überschrift gestellt hat

„Unserer Hoffnung ist unerschütterlich“

2 Kor 1,7

wird am 1. Fastensonntag, dem 21. Februar 2021, in allen Eucharistiefeiern und Wort-Gottes-Feiern (einschließlich der Vorabendgottesdienste)  verlesen.

Der Bischof hat ihn vor der Kamera gesprochen, mit Klick auf das Foto ist er zu hören.

UNSERE

HOFFNUNG

IST

UNERSCHÜTTERLICH

(2 Kor 1,7)

Fastenhirtenbrief 2021

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Es gibt in den letzten Monaten nur ein Gesprächsthema unter den Menschen: Der Umgang mit der Corona-Virus-Krankheit. Jeder kann zu jeder Zeit die Zahlen der Infizierten wie auch der an Corona Verstorbenen auf seinem Handy nachlesen. Wir haben wohl noch nie so häufig zueinander gesagt: „Bleib gesund!“. Und auch dabei denken die meisten nicht an irgendeine Krankheit, sondern an die Bewahrung vor Covid 19. Das gesamte öffentliche Leben ist von der Sorge betroffen, dass wir uns selbst und andere Menschen vor der Ansteckung schützen. Ich bemerke dabei sehr deutlich die Spannung zwischen wirklicher Vorsicht und übertriebener Ängstlichkeit, die sich für viele nur schwer in eine gute Balance bringen lässt.

In einer solchen Zeit, in der wir von der Pandemie innerlich und äußerlich besetzt sind, beginnen wir wie in jedem Jahr die österliche Bußzeit, die uns hinführen soll zum größten und wichtigsten Fest der Christenheit. Am Beginn dieses Weges zum Osterfest möchte ich Ihren Blick ausdrücklich auf Gott richten, der uns auch in der Zeit der Pandemie nahe ist.

Als der Apostel Paulus am Beginn des 2. Korintherbriefes von seinem Leiden spricht, kann er zugleich hinweisen auf den Trost Gottes, der ihn stärkt und in ihm eine unerschütterliche Hoffnung erhält. Paulus schreibt: „Gott tröstet uns in all unserer Not, damit auch wir die Kraft haben, alle zu trösten, die in Not sind, durch den Trost, mit dem auch wir von Gott getröstet werden… Unsere Hoffnung für euch ist unerschütterlich, denn wir wissen, dass ihr nicht nur an den Leiden teilhabt, sondern auch am Trost.“ (2 Kor 1, 3-4.7)

Mit diesen Worten des Apostels habe ich den „cantus firmus“, den Grundton meines diesjährigen Hirtenwortes am Beginn der Fastenzeit angeschlagen: Ich möchte Ihren Blick auf die Kraftquellen unseres Glaubens richten, die uns auch in dieser Zeit der Pandemie offenstehen. Denn Trost ist in der Heiligen Schrift das erfahrene Wirken des Heiligen Geistes, der in uns Glaube, Hoffnung und Liebe wachsen lässt.

Die wichtigsten Fragen in dieser Fastenzeit nach einem Jahr Corona-Krise sind für mich die folgenden, auf die ich Ihnen meine Antwort anbieten möchte und ich lade Sie ein, ebenso Ihre eigene Antwort zu finden.

  1. Was trägt mich in dieser Zeit? Woran halte ich fest?

Die vergangenen Monate waren geprägt davon, dass Termine und viele Veranstaltungen abgesagt werden mussten und das ist bis heute so. Das war und ist einerseits ein Verlust, vor allem deshalb, weil viele Kontakte darunter leiden oder zumindest erschwert werden. Ein digitales Treffen mit Menschen ist kein gleichwertiger Ersatz für eine physische Begegnung. Abstand halten aus Sicherheitsgründen ist eindeutig eine Verarmung unserer Kommunikation unter der viele leiden.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich eine andere Seite dieser Corona-Zeit entdeckt habe. Plötzlich entstand vielfach ein Freiraum, den ich auch als Chance annehmen konnte: Ich konnte zum Beispiel manches aufarbeiten, was schon lange liegen geblieben war. Der nur noch locker gefüllte Terminkalender schaffte nicht zuletzt auch Raum für mehr Sammlung und Stille und längere Zeit zum Beten. Das hat mich bis jetzt getragen. Ich habe auch mehr als sonst für Sie, liebe Schwestern und Brüder, gebetet, dass Sie den uns alle tragenden und tröstenden Gott in dieser schwierigen Zeit nicht aus den Augen verlieren.

Ich kann mir gut vorstellen, dass es einigen von Ihnen anders ergangen ist, wenn die Kindergärten und Schulen geschlossen waren und sie sich um die Kinder sorgen und beim digitalen Unterricht helfen mussten.

Für viele von Ihnen waren es sicher in der letzten Zeit der Ehepartner und die eigenen Angehörigen, die geholfen haben, die Zuversicht zu bewahren.

Wie Sie wissen, habe ich mich bei den staatlichen Stellen sehr dafür eingesetzt, dass wir so weit als möglich weiterhin Gottesdienst feiern konnten. Ich weiß aus Zuschriften, dass dies nicht bei allen in unseren Gemeinden Zustimmung gefunden hat. Manche haben auch aus Sorge vor Ansteckung den Gottesdienst bewusst gemieden.

Es gibt aus meiner Sicht dennoch kein größeres Zeichen, was wir als Kirche auch den Menschen in unserem Land schenken können: auch und gerade in der Not an Gott festzuhalten, ihn zu feiern und für alle Menschen stellvertretend und fürbittend einzutreten.

Ich habe für uns alle die Hoffnung, dass wir nach der Pandemie im Rückblick deutlicher sehen und davon erzählen, wie Gott uns auch durch diese Zeit getragen hat.

  1. Was tröstet mich in Ängsten und Verunsicherungen?

In seinem kürzlich erschienenen Buch „Wage zu träumen“ schreibt unser Heiliger Vater Papst Franziskus: „Entmutigung führt zum Jammer und zur Klage über alles, sodass du nicht mehr siehst, was um dich herum ist und was andere dir anbieten, sondern nur das, was du meinst, verloren zu haben. Entmutigung führt zur Traurigkeit im geistlichen Leben, die wie ein Wurm ist, der von innen heraus nagt.“1 Jeder von uns hat im vergangen Jahr Verunsicherungen, Entmutigung und auch Ängste erlebt. Angst ist ein Zustand, gegen den man kaum etwas machen kann. Sie kann uns blockieren, so dass wir nichts mehr darüber hinaus sehen können.

Gegen Verunsicherung hilft nur ein gesundes und ausgewogenes Urteil in der Sache. Dazu helfen uns die Wissenschaftler wie auch die Politiker. Zur nüchternen Beurteilung gehört aber auch die Einsicht, dass das Virus, so wie auch andere Krankheiten, nicht grundsätzlich verschwinden werden. Wir müssen damit leben lernen.

Gerade als katholische Christen haben wir im Umgang mit kranken und sterbenden Menschen eine reiche Erfahrung und eine große Tradition. Das gibt mir Mut und Sicherheit, weil ich daran glaube, dass uns Gott auch in leidvollen Situationen nicht verlässt. Es ist ein Markenzeichen unserer Kirche, dies in einem Krankensegen, im Sakrament der Krankensalbung oder in der Spendung der Wegzehrung für die Sterbenden sichtbar zu machen und auszudrücken.

Wir dürfen auch in dieser Krisenzeit darauf vertrauen, dass das Wort des Psalms 91 für uns gilt: „Der Herr befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen. Sie tragen dich auf ihren Händen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.“2 An die Stelle von Angst und Gleichgültigkeit kann so die kluge Vorsicht und das bleibende Vertrauen treten.

  1. Worauf hoffe ich?

In diesen Wochen hoffen viele Menschen auf den neuen Impfstoff. Wenn wir den Wissenschaftlern vertrauen dürfen, dann wird er die Krankheit eindämmen. Wir hoffen darauf, dass wir uns wieder ohne größeren Abstand begegnen dürfen und dass das gesellschaftliche Leben sich wieder normalisiert. Ich denke jetzt auch an die vielen, deren wirtschaftliche Existenz gefährdet ist und hoffe mit ihnen, dass sie wieder einen neuen Anfang machen können. Ich hoffe für unsere Kinder und Jugendlichen, dass sie bald wieder einen geregelten Schulbetrieb erleben dürfen oder Ausbildung und Studium trotz der Einschränkungen gut zu Ende gebracht werden können. Ich hoffe auch, dass die lange Zeit des Lockdowns nicht einen allzu großen seelischen Schaden in den Familien oder bei älteren Menschen hinterlassen wird.

Der Apostel sagt: „Unsere Hoffnung für euch ist unerschütterlich, denn wir wissen, dass ihr nicht nur an den Leiden teilhabt, sondern auch am Trost“. „Trost“ ist ein Wort für den Heiligen Geist, für die Kraft Gottes. Wir nennen ihn auch den „Tröster“. Ich hoffe für unser Bistum darauf, dass wir mit der Erfahrung dieser Corona-Zeit im Glauben gereiftere Menschen geworden sind. Ich hoffe auch für das Leben in unseren Gemeinden und Gemeinschaften auf einen neuen, sicher auch veränderten, Anfang. Diesen Überlegungen soll auch ein Pastoraltag mit Vertretern aus den Pfarreien, Verbänden und Gruppen dienen, zu dem ich im November einladen werde.

Die Zeit der Pandemie, in der wir uns immer noch befinden, gehört zum Leben unserer Kirche, denn sie hat die ganze Welt berührt und uns alle verändert. Es gilt jetzt, zu entdecken, was Gott uns dadurch zu sagen hat. Die göttliche Tugend der Hoffnung ist der wichtigste „Antikörper“ für uns Christen.

Liebe Schwestern und Brüder,

das Motto für unser Bistum für das Jahr 2021 lautet: „Wir sind eine Mission“. „Wir“ – damit ist die Kirche gemeint, damit sind unsere Pfarreien und Gemeinschaften angesprochen, damit ist jede und jeder von uns gemeint. Dieser Satz stammt von Papst Franziskus3 und er drückt damit aus, dass es kein Christsein gibt, das nur ein Teil meines Lebens, ein überkommenes Anhängsel oder gar nur ein Stück Kultur ist. Papst Franziskus schreibt: „Man muss erkennen, dass man selber ‚gebrandmarkt‘ ist für diese Mission, Licht zu bringen, zu segnen, zu beleben, aufzurichten, zu heilen, zu befreien.“4

Die Fragen, die ich in diesem Brief gestellt und aus meiner Sicht beantwortet habe, sind eine Einladung, genau dies in der Fastenzeit einzuüben: anderen Menschen Licht zu bringen, sie mit kleinen Worten des Trostes zu beleben und aufzurichten und ab und zu jemanden aus Ängsten zu befreien.

Was trägt mich in dieser Zeit der Pandemie?

Was tröstet mich in Ängsten und Verunsicherungen?

Worauf hoffe ich?

Wir dürfen unsere persönlichen Antworten anderen anbieten und mitgeben als Trost und Stärkung. Dann sind wir wirklich eine Mission, die Segen und Heil in diese von der Pandemie erschütterte Welt bringt.

Es wäre aus meiner Sicht ein schöner Fastenvorsatz, künftig in allen unseren Gesprächen darauf zu achten, wie wir über die Erfahrungen der Pandemie reden – nur ärgerlich oder betrübt – oder auch hoffnungsvoll und tröstend.

Das Kirchenjahr lädt uns jetzt ein, uns auf Ostern vorzubereiten. Wir dürfen auf das Leben zugehen, dass uns der Auferstandene verheißen hat und zu dem er uns alle einlädt. Buße bedeutet: das eigene Herz frei machen für dieses wahre, ewige Leben und sich ihm anvertrauen.

Für den Weg zum Osterfest segne euch der allmächtige Gott, der Vater + und der Sohn und der Heilige Geist.

Euer Bischof

+ Wolfgang Ipolt

1 Papst Franziskus, Wage zu träumen, München 2020, 25

2 Ps 91, 11-12.

3 Vgl. Apostolisches Schreiben „Evangelii gaudium“, 273

4 Ebd., 273

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