14. Mai 2016

Domkapitulare aus Görlitz und Breslau begegnen sich am Europatag in der Kulturhauptstadt Wroclaw

Der Tag hätte nicht geeigneter sein können für den ersten Besuch des Domkapitels vom Heiligen Jakobus Görlitz beim Metropolitankapitel der Erzdiözese Breslau in dieser Kulturhauptstadt, der Europatag. Seit 1950 wird jedes Jahr am 9. Mai daran gedacht, dass die Menschen in Europa in Frieden und Einheit leben können. 1950  hielt der damalige französische Außenminister Robert Schuman in Paris eine Rede, in der er seine Vision einer neuen Art der politischen Zusammenarbeit in Europa vorstellte, die Kriege zwischen den europäischen Nationen unvorstellbar machen sollte.

Es gab in der Vergangenheit immer wieder Einzelkontakte von Domkapitularen aus Görlitz und Breslau; ein gemeinsames Treffen fand bisher nicht statt.  Der Vorschlag zu dieser Begegnung kam von Domkapitular Krystian Burczek. Er stammt aus Jemielnica. Das liegt im polnischen Bistum Opole/Oppeln, das wiederum zum Erzbistum Breslau gehört. 1989 wurde Burczek in Opole zum Priester geweiht, lebt und arbeitet seit 1994 in Deutschland als Seelsorger, ist Pfarrer in Niesky. Seine Idee: „Wir fahren nach Breslau, zu unseren Wurzeln“, wurde vom Domkapitel angenommen. Zur Vorbereitung reiste er nach Breslau. „Beim zweiten Mal hatte ich einen Termin bei Weihbischof Andrzej Siemieniewski, dem Breslauer Dompropst. Mit ihm habe ich das Programm, den Grundrahmen, abgesprochen“. Der Weihbischof fand dies „eine sehr gute Initiative des Domkapitels des Heiligen Jakobus. Das Verständnis zum Gemeinsamen ist bei ihm von Anfang an da“, sagt Domkapitular Burczek.

Neben einer Besichtigung der Stadt, Gesprächen im deutschen Generalkonsulat, dem Verbindungsbüro des Freistaates Sachsen, dem Besuch des Grabes des Domherrn Robert Spiske und der Hedwigs-Schwestern, war das Treffen mit dem Breslauer Kapitel der Höhepunkt der Reise. Das begann mit einem gemeinsamen Gottesdienst im Dom.

In seiner Predigt sagte Weihbischof Siemieniewski unter anderem: „Heute feiern wir in Polen ein wichtiges Fest: des heiligen Stanislaus, Bischof und Martyrer. Hier in Breslau haben wir eine Kirche, die den heiligen Stanislaus als Patron hat. Eigentlich ist es die Kirche von drei Patronen zusammen“. Diese Kirche wird zumeist nur Dorotheen-Kirche bezeichnet. Vollständig heißt sie: Kirche des heiligen Stanislaus von Krakau, der heiligen Dorothea und des heiligen Adalbertus (auch Wenzel oder Wojcziech).  Der Name der Kirche – die drei Heiligen – stammt aus dem 14. Jahrhundert. „All das ist heute für unsere Begegnung besonders wichtig, denn:  Der heilige Adalbertus wurde für die damaligen Tschechen gewählt; die heilige Dorothea für die deutschen Katholiken und der heilige Stanislaus für die Polen. Unsere Vorväter sind sich schon vor siebenhundert Jahren in Breslaus begegnet: im Namen des Evangeliums Jesu Christi um ein gemeinsames Gotteshaus zu haben“, sagt der Weihbischof und: „Das ist die gemeinsame Geschichte. Die vergangenen Jahrhunderte sind wichtig, sie zeigen uns den Weg in die Zukunft. Aber der Weg soll heute neu gemacht werden“. Der Bischof  zeigt an Beispielen auf, dass man dabei viel voneinander lernen könne und sollte.

Die Eucharistie wird in drei Sprachen gefeiert: Deutsch, Polnisch, vor allem Latein. Zur Gabenbereitung/ Przygotowanie Darów ertönt das „Haus voll Glorie“, das, von Gottes Meisterhand, auf ewigem Stein erbaut ist und weit über alle Lande, weit über Breslau und Görlitz, schaut. Über 20 Priester der beiden Kapitel sind in der Kapelle versammelt. Und zehn Gläubige der deutschen Minderheit in Breslau. Sie haben am Nachmittag eine Andacht am Grab des Breslauer Domherrn Robert Spiske (1821 – 1888), das sich in der Kirche des Mutterhaus der  Hedwigschwestern befindet, gehalten und für seine Seligsprechung gebetet. „All seine Kräfte widemeter er dem Großstadtapostolat als Kuratus von „St. Maria am Sande“ und als Pfarrer von „St. Dorothea“ und führte auch als späterer Domprediger viele Menschen zur Kirche zurück“, so steht es unter anderem auf einem Gedenkblatt. Die Jugend hätte ihm besonders am Herzen gelegen. „Aus Sorge heraus schenkte er vielen verwaisten Kindern seiner Bischofsstadt Heim und Heimat bei den Hedwigs-Schwestern“. Das Dziekczynienie – Danklied – im Dom erklingt auf Deutsch, das Te Deum: Großer Gott, wir loben dich… Wie du warst vor aller Zeit, so bleibst du in Ewigkeit. Der Heilige Stanislaus wird im Schlusslied auf Polnisch besungen: „Swiety Stanislawie patronie nasz…“.

Nach dem Gottesdienst wird vor der Heiligen Pforte, dem Eingangsportal des Doms, entsteht ein Gruppenfoto. Im Hotel „Jan Pawel II.“, das sich unweit des Doms, auf der Breslauer Dominsel befindet, kommt es bei einem gemeinsamen Abendessen der Domherren beider Kapitel zu Gesprächen und Begegnungen. Die Bistumskarte des Bistums Görlitz, die zum Katholikentag vor zwei Jahren in Regensburg hergestellt wurde und die Ausdehnung des Bistums Görlitz bis an den Rand von Berlin zeigt, fand besonderes Interesse bei den polnischen Domkapitularen.

Am Ende des Abends der Begegnung erinnert sich Weihbischof  Siemieniewski, der 1957 in Wroclaw geboren wurde, an seine Besuche in Zgorzelec. Dort wohnte sein Großvater. Oft haben sie von dort auf Görlitz geschaut. „Von dort aus haben wir den Berg gesehen und die Peterskirche,  durch den fürchterlichen Drahtzaun. Und Grenzsoldaten auf beiden Seiten des Zaunes. Damals dachte ich: Wie wäre es, auf der anderen Seite dieser Grenze zu stehen. Und jetzt ist die ehemalige Grenze die Brücke. Sie teilt uns nicht, sie macht für uns eine Brücke. Dieses Treffen heute und hier ist historisch und eine solche Brücke. Heute haben wir uns geeint gefühlt, eine sehr gute und gebenedeite Entdeckung“. Er bezieht sich auf Äußerungen des Namensgeber dieses Hauses: „Wir sollen gewiss unsere Begegnungen wiederholen. Papst Johannes Paul II.  hat zur Hedwig-Statue, die an einer Oder-Brücke steht, gesagt. Hedwig eint zwei Ufer. Und Hedwig  eint einen deutschen und einen polnischen Teil derselben Kirche. Una sancta catholica ecclesia“. Das ursprüngliche Europa, so sagt Weihbischof Siemieniewski, „wurde einig durch die katholische Kirche, durch das Christentum. Verschiedene Völker wurden dadurch eins. Das sollen wir wieder entdecken. Und, dass das Evangelium, das Christentum uns wieder eins macht“.

Dompropst Hubertus Zomack zeigt sich auf der Rückfahrt nach Görlitz zufrieden, besonders über dieses Treffen der Kapitel.  „Dieser Besuch ist aus meiner Sicht gelungen. Er hat uns auch gezeigt, wie unterschiedlich politische, aber auch kirchliche Situationen beurteilt werden, in Deutschland und in Polen. Das ist sicherlich kein Nachteil, wenn man verschiedene Meinungen hört. Das Zweite: Wir haben er gemeinsam erlebt: Breslau ist eine quicklebendige Stadt – hier merkt man, dass man in Europa ist.“

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