14. Januar 2017

Bischof Ipolt appelliert bei seinem Neujahrsempfang: Christen sollen sich „nicht frustriert in eine Schmollecke zurückziehen“

„Musik verbindet Menschen. Musik macht das Unaussprechbare für die Ohren hörbar, dringt tief in die Herzen, bringt Hoffnungen und Ängste zum Klingen, öffnet Horizonte“, sagt Generalvikar Dr. Alfred Hoffmann bei der Begrüßung der Gäste aus Kirchen, Politik und Gesellschaft beim Neujahrsempfang von Bischof Wolfgang Ipolt am heutigen Vormittag. Der Generalvikar dankt Diözesanmusikdirektor Thomas Seyda, dass er auf seinen besonderen Wunsch zu Beginn ein Stück von Olivier Messiaen gespielt hat. „Messiaen war Organist in Paris und erinnert mit seiner Musik an den göttlichen Ursprung unserer Welt, an das Heilswirken Gottes innerhalb menschlicher Geschichte, an das, was zu Weihnachten durch die Geburt Jesu aufleuchtet. Mitten in der Dunkelheit des Überlebenskampfes eines Gefangenen in Görlitz während des Zweiten Weltkriegs komponierte er das inzwischen berühmt gewordene ,Quartett auf das Ende der Zeit‘ (Quatuor pour la fin du temps)“.

Bevor der Kirchenmusikdirektor mit dem Jugendchor der Kathedrale St. Jakobus  das nächste Musikstück zu Gehör bringt, erinnert der Generalvikar an ein wichtiges Jubiläum in diesem Jahr, an die Heilige Hedwig, die aus dem bayerischen Andechs ins polnische Schlesien kam. „Sie kam als Fremde, heute würden wir sagen als Migrantin. Sie lernte nicht nur die polnische Sprache, sondern wurde wegen ihrer tätigen christlichen Nächstenliebe als Landesmutter verehrt. Vor 750 Jahren wurde sie Heiliggesprochen. Heute ist sie Patronin der Bistümer Görlitz und Liegnitz. So habe ich gerade ganz herzlich begrüßt aus Zgorzelec Dekan Maciej Wesołowski, Pfarrer in St. Bonifatius und Pfarrer Jan Kułyna, Pfarrer in St. Hedwig“, sagte der Generalvikar.

Dekan Wesołowski wies in seinem Grußwort unter anderem darauf hin, dass es die Aufgabe der Christen ist, in einer Welt voller Terror und Kriege, für „Frieden und brüderliche Liebe“ zu beten. „Gut, dass wir hier in Zgorzelec und Görlitz, in Polen und Deutschland, als  Christus-Schüler leben können“. Der Dekan wünscht: „Gottes Segen, Mut, Frieden und Hoffnung zum neuen Jahr 2017“.

Dr. Hoffmann hatte in seiner Ansprache die Herrnhuter Jahreslosung zitiert. „Sie lautet für 2017 ,Ich schenke Euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in Euch.‘ (Ezechiel 36,26 bzw. Hesekiel) Im kirchlichen Jargon nennen wir das Bekehrung, die von Gott initiiert wird. Es ist eine tiefgreifende Erneuerung bis in die Wurzeln der Existenz.  Das war vor 500 Jahren im Zeitalter der Reformation nötig, das bleibt ständige Herausforderung und Chance“, so Dr. Hoffmann. Bei „aller Bescheidenheit sollten wir unser Licht nicht unter den Scheffel stellen. Gerade in der Beziehung zwischen römisch-katholischer und verschiedener reformatorischer Kirchen sind wir seit 1517 nach anfänglichem Hass und verheerendem Krieg, einem langen Nebeneinander und stellenweiser Ignoranz zu einem geschwisterlichen Miteinander gelangt. Diese christliche Geschichte zeigt, wie real Wege der Versöhnung gegangen werden können und gegangen worden sind, obwohl viele schon alle Hoffnung aufgegeben hatten. Im 500. Jahr der Reformation werden die Früchte des Versöhnungsweges auch in Görlitz vielfältig erfahrbar“, sagt der Generalvikar. So erinnerte als nächster Redner Generalsuperintendent Martin Herche in seinem humorvollen Grußwort daran, dass wir  „noch 351 Tage in diesem Jahr vor uns haben. Wie gut. Allerdings stellt sich die Frage, wofür wir sie nutzen. Neujahrsempfänge helfen, dafür tragfähige Antworten zu finden“, so der Generalsuperintendent. Antworten suchte und fand er im Bereich der Ornithologie.

Dr. Martina Münch, die Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg erinnerte in ihrer Rede daran, dass es gemeinsames Anliegen ist,  das kulturelle und geistige Erbe zu bewahren. „Dazu gehört, kulturelles Erbe erfahrbar und anschaulich zu machen, etwa durch die Nutzung von Bauwerken für kulturelle Zwecke oder für die Vermittlungsarbeit.  Ein gutes Beispiel hier im Bistum ist das Kloster Neuzelle: Die vom Land Brandenburg errichtete Stiftung Stift Neuzelle hat dieses einmalige Barockjuwel in den vergangenen zwanzig Jahren hervorragend entwickelt und erschlossen. Der Ort entfaltet Anziehungskraft für Touristen, die das Heilige Grab und die anderen Schätze bewundern, ist aber auch als Bildungsstandort attraktiv und zugleich eine bedeutsame Wallfahrtsstätte“, so die Ministerin. Sie begrüßt es „außerordentlich, dass die Zisterzienser von Heiligenkreuz beabsichtigen, eine Filiale in Neuzelle zu errichten und wieder mönchisches Leben zu etablieren. Die Zisterzienser werden – davon bin ich überzeugt – dem historischem Klosterstandort Authentizität zurückgeben und gemeinsam mit der Stiftung und der Schule dafür sorgen, dass der Ort zusätzlich belebt wird und noch mehr Aufmerksamkeit findet. Gerade in einer Region, wo nur wenige Christen leben, wird damit auch die Seelsorge gestärkt. Ich freue mich, dass die Gespräche zu diesem Ansiedlungsprojekt begonnen haben und möchte besonders Ihnen, lieber Herr Bischof Ipolt, für Ihr nachdrückliches Engagement dabei danken!“.

Nach einem Musikstück von Felix Medelssohn Bartholdy mit dem Jugendchor, dankten Landrat Bernd Lange und Oberbürgermeister Siegfried Deinege den Katholiken in Görlitz und im Bistum für das gute Miteinander. „Wir sind ein aufeinander abgestimmtes – und angewiesenes – Team“, sagte der Landrat. Wir sollten „nicht vergessen dankbar dafür zu sein, dass wir unsere Arbeit im Frieden tun können. Man kann nur mit Dankbarkeit Kraft gewinnen“, so Bernd Lange.

Den Ausspruch: „Wenn alles so bleibt, wie es ist, wird bald nichts mehr so sein, wie es war“ zitiert Hartmut Schirmer, der Diözesanvorsitzende des Bistums in seinen Worten. „Nirgends passt dieser Satz besser als an den  Anfang eines neuen Jahres. Das neue Jahr 2017 wird Veränderungen bringen wie jedes Jahr. Veränderungen sind notwendig und geschehen auch, wenn wir es gar nicht wollen. Veränderungen, die uns, unsere Gesellschaft und unsere Kirche betreffe.  ,Ecclesia semper reformanda‘ – Kirche muss sich immer wieder reformieren, erkannten die Konzilsväter des II. Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren. Dies galt auch schon vor 500 Jahren als die Kirche aber nicht imstande war, notwendige Veränderungen auch tatsächlich zu vollziehen“. Schirmer sagt an anderer Stelle: „Bereits geschehene Veränderungen nennen wir Vergangenheit, die vor uns liegenden Veränderungen nennen wir Zukunft. Man könnte auch sagen: Ohne Veränderungen gibt es keine Zukunft“.

Bischof Wolfgang Ipolt stellte seine Ansprache zum Neuen Jahr unter den Titel: „Werte brauchen Wurzeln“. In dem Jahr, das vor „500 Jahren die Christenheit gespalten hat“, werde viel zu „hören und zu lesen sein über den Beginn und die Folgen der Reformation, über ihre religiösen und geschichtlichen Hintergründe. Wir werden vor allem die Person Martin Luthers und seine Anliegen näher kennen lernen. Das wird, so meine ich, der Christenheit als ganzer gut tun, denn worum ging es ihm anders, als um eine Vertiefung des Glaubens an den Erlöser, durch den wir allein gerettet werden. Darum haben wir – katholische und evangelische Kirche – beschlossen, dass wir in diesem Jahr gemeinsam auf Christus schauen, ein Christusjubiläum begehen, um durch diese „Blickrichtung“ mehr auf ihn hin und aufeinander zu wachsen“, so der Bischof. Dennoch möchte er „heute nicht über das Ereignis der Reformation sprechen. Wohl aber möchte ich den Begriff aufnehmen und ihn ein wenig für mein Anliegen deuten und nutzen. ,Reformatio‘ heißt im Lateinischen ,Verbesserung‘, ,Erneuerung‘. Eine Reform ist nie einfach Rückgriff auf Vergangenes (was die Vorsilbe re- vermuten lassen kann), sondern ist kreative Neuerung, die natürlich anknüpft  an Bestehendes und die auch auf Kontinuität bedacht sein wird“, sagt er. An anderer Stelle fordert der Bischof zur Aktion auf: „Es wird gegenwärtig darauf ankommen, dass wir Christen unsere Werte nicht verstecken oder kleinreden, dass wir uns  nicht frustriert in eine Schmollecke zurückziehen, wenn uns angeblich keiner mehr verstehen will, sondern vielmehr deren befreienden Hintergrund sichtbar machen“. Weiter wachsen könne „die Liste der Werte oder der Wertekodex und kann auch nach unseren modernen Verhältnissen ergänzt werden. Ich nenne nur einiges als Ergänzung: Nachhaltigkeit, Achtsamkeit im Umgang mit der Schöpfung, Selbstbegrenzung, Friedensbereitschaft, Respekt vor Andersdenkenden (was nicht zu verwechseln ist mit einer ,Soft-Toleranz‘, die alles Mögliche kritiklos hinnimmt). Immer aber geht es dem gläubigen Menschen darum, den Willen Gottes zu erkennen und ihn mit Begeisterung vorzuleben, damit andere motiviert werden, sich diesem Weg anzuschließen“, so Bischof Ipolt in seiner Ansprache, hier im Wortlaut.

Ein letztes Mal nahm der Jugendchor Aufstellung, sang von John Rutter: „The Lord bless you and keep you“. Der anschließende Beifall zeigte, dass die die Interpretationen durch den Chor unter Leitung von Domkantor Seyda sehr gut bei den Gästen angekommen ist. Generalvikar Dr. Hoffmann bedankte sich bei jedem Sänger mit einem kleinen Präsent, beim Chorleiter mit einem Blumenstrauß. Der Neujahrsempfang wurde mit Gesprächen, bei einem kleinen Imbiss, fortgesetzt.

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