14. Februar 2016

„Barmherzig wie der Vater“- Fastenhirtenwort von Bischof Wolfgang Ipolt

Fastenhirtenbrief zum ersten Fastensonntag, 14. Februar 2016,

von Bischof Wolfgang Ipolt

BARMHERZIG WIE DER VATER -–
HIRTENWORT ZUR ÖSTERLICHEN BUßZEIT IM HEILIGEN JAHR 2015/16

Liebe Schwestern und Brüder!

Jesus ist mit seinen Ansprüchen an uns nicht zimperlich oder kleinlich. Er geht immer aufs Ganze. In der Bergpredigt spricht er einmal eine große Einladung aus: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist.“ (Lk 6,36). Ist das überhaupt möglich? Können wir Gott in seiner Vollkommenheit nur annähernd ähnlich werden? Jesus meint es jedenfalls.
Für mich ist dieser Satz wie ein Stachel für mein Christenleben, vor allem weil ich weiß, dass viele Frauen und Männer in der Geschichte der Kirche versucht haben, in ihrem Leben diese Haltung Gottes nachzuahmen und durchscheinen zu lassen. Dazu gehören zum Beispiel die großen Heiligen der Nächstenliebe wie Elisabeth von Thüringen und die heilige Hedwig, der heilige Vinzenz von Paul, aber auch die selige Maria Merkert, der man den Beinamen „Samariterin Schlesiens“ gab. Ich denke nicht zuletzt auch an die selige Hildegard Burjan, deren politische Tätigkeit der Sorge um rechtlose und unterdrückte Frauen am Beginn des 20. Jahrhunderts galt.

Die Einladung Jesu: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!“ – enthält ein Grundmotiv der Bibel, das wir an vielen Stellen wiederfinden: Die imitatio Dei – die „Nachahmung Gottes“. Der Apostel Paulus schreibt: „Ahmt Gott nach als seine geliebten Kinder und liebt einander, wie auch Christus uns geliebt und sich für uns hingegeben hat als Gabe und als Opfer, das Gott gefällt.“ (Eph 5,1).

Am Beginn der österlichen Bußzeit möchte ich in diesem Jahr mit Ihnen auf den barmherzigen Vater schauen, um anschließend die Möglichkeiten auszuloten, die wir als Christen haben, um ihn nachzuahmen.

1. Gott ist barmherzig
Barmherzigkeit ist zuerst eine Eigenschaft Gottes. Oft reden wir Gott im liturgischen Gebet der Kirche so an: „Allmächtiger und barmherziger Gott…“. In einem Tagesgebet heißt es nach der Anrede: „Gott, du offenbarst deine Macht vor allem im Erbarmen und im Verschonen […] .“ Gottes Erbarmen ist nichts Schwächliches, sondern er zeigt gerade darin seine Vollmacht und Stärke. Er bleibt immer der heilige, der gerechte, der allmächtige und treue Gott und darin dennoch barmherzig. Alle Eigenschaften bilden in Gott ein Ganzes. Gott ist gerecht, barmherzig und allmächtig zugleich. Bei Gott sind das keine Gegensätze, die sich ausschließen. Seine Gerechtigkeit zeigt sich in seiner Barmherzigkeit.
Es bleibt jedoch ein dunkles Geheimnis, warum der barmherzige und allmächtige Gott so viel Leid zulässt und nicht verhindert. Die Klagelieder des Alten Testaments und auch manche Psalmen sprechen von der Erschütterung und Gottverlassenheit im Leid. Auch der Psalm 22, den Jesus in der Stunde des nahenden Todes am Kreuz betet, fasst es zusammen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bist fern meinem Schreien, den Worten meiner Klage?“ (Ps 22,2).
Dass Gott selbst in seinem Sohn Jesus Christus Leiden und Tod auf sich nimmt, ist wohl das deutlichste Zeichen dafür, dass er jedem leidenden Menschen nahe sein und ihn darin nicht allein lassen will. Darin zeigt er sein Erbarmen und seine Sympathie – sein Mit-Leiden – mit uns. Ganz besonders deutlich wird Gottes Barmherzigkeit im Umgang mit den Sündern. In der Sünde dreht der Mensch Gott den Rücken zu und wendet sich von seinen Geboten ab. In der Sünde glaubt der Mensch, dass es bessere Wege gibt, als den Willen Gottes zu erfüllen. Durch die Sünde löst sich der Mensch teilweise oder ganz aus der Bindung an Gott.
Das ist nicht belanglos oder nebensächlich. Darum kann Gott die Sünde nicht einfach ignorieren. Der Sohn Gottes selbst nimmt die Sünde auf sich, ja er wird selbst zur Sünde (2 Kor 5,21), damit wir frei gesprochen werden können von dieser Last. Christus geht stellvertretend den Weg der Versöhnung und stirbt für unsere Sünden am Kreuz. „Gott, der barmherzige Vater hat durch den Tod und die Auferstehung seines Sohnes die Welt mit sich versöhnt…“, mit diesen Worten erinnert der Priester an diese Tat der Liebe jedes Mal, bevor er uns im Bußsakrament die Lossprechung erteilt und wir damit die Chance des Neuanfangs erhalten. Nur so entgehen wir dem Gericht Gottes.
Wer seine Sünden aufrichtig bereut, der darf wissen, dass er einen Fürsprecher beim Vater hat, der für ihn eintritt. Ja, wir glauben, dass Gottes Barmherzigkeit sogar über die Todesgrenze hinausreicht. In der heilenden Begegnung mit Gott und im Feuer seiner reinigenden Liebe gewährt uns Gott eine letzte Chance, um bereit zu werden für die ewige Gemeinschaft des Himmels. Wir nennen diese reinigende barmherzige Liebe „Fegefeuer“ – ein Zeichen unendlicher Barmherzigkeit und Geduld und ein Trost für all unsere Armseligkeit, die wir in unser Sterben mitnehmen.

2. „Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden.“ (Mt 5,7)
Weil Gott bereit ist, zu uns barmherzig zu sein, weil wir von ihm so viel empfangen, muss das in unserem Leben einen Widerhall finden. Wem Barmherzigkeit unverdienterweise gewährt wird, der wird voller Freude auch anderen Barmherzigkeit erweisen. Man muss nur Augen und Ohren weit öffnen, um zu sehen und zu hören, wo Gott uns Möglichkeiten zeigt, wie wir selbst barmherzig sein können.
In der Tradition der Kirche sind diese Möglichkeiten wie eine Merkregel zusammengefasst in den sogenannten „Werken der Barmherzigkeit“. Da sind zunächst die sieben leiblichen Werke: Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Nackte bekleiden, Fremde beherbergen, Kranke pflegen, Gefangene besuchen und die Toten begraben. Sie weisen uns hin auf äußere, leibliche Nöte, die uns bei unseren Mitmenschen begegnen können. Hinzu kommen die geistlichen Werke der Barmherzigkeit: Unwissende lehren, Zweifelnde beraten, Trauernde trösten, Sünder zurechtweisen, Beleidigern gern verzeihen, die Lästigen geduldig ertragen und für die Lebenden und Verstorbenen beten.
Bei dieser Aufzählung von zweimal sieben Möglichkeiten fällt auf: Die Taten, die hier genannt werden, sind nicht Zuwiderhandlungen gegen die Gebote Gottes, die es zu vermeiden gilt, sondern es geht darum, das Gute zu sehen und es nicht zu unterlassen. Im Einsatz für das Gute haben wir tatsächlich jeden Tag viele Möglichkeiten, die es zu ergreifen gilt.
Ich meine übrigens, dass diese Aufzählung der Werke der Barmherzigkeit nicht abgeschlossen ist, sondern dass es zu jeder Zeit neue Möglichkeiten gibt, dem anderen Empathie – einfühlendes Verstehen zu zeigen.

3. Werke der Barmherzigkeit für heute
Ich möchte Ihnen am Beginn der Fastenzeit drei Möglichkeiten vorschlagen, die ich als Werke der Barmherzigkeit für heute – in unseren Familien, an unseren Arbeitsplätzen, in den Schulen und Universitäten – sehe:

1. Das persönliche Gespräch pflegen
Wir leben in einer digitalen Welt. Durch die sozialen Netzwerke und Medien sind Menschen weltweit verbunden. Es ist zugleich für alles und jedes eine beinahe grenzenlose Öffentlichkeit hergestellt. An diese Möglichkeiten der Kommunikation haben sich selbst viele Ältere bereits gewöhnt. Es ist eine wunderbare Errungenschaft der Technik, die wir nicht mehr missen wollen.
Dennoch scheint mir, dass bei all den Möglichkeiten, dem anderen etwas mitzuteilen, das persönliche Gespräch unersetzlich ist. Einem Menschen gegenüber sitzen, Freude oder Trauer in seinem Gesicht zu sehen, den Klang seiner Stimme zu hören – das ist qualitativ etwas anderes als eine SMS oder eine E-Mail zu schreiben oder zu erhalten.
Sich bei jemandem entschuldigen, meine Anteilnahme aussprechen, einen guten Rat in einer wichtigen Angelegenheit geben – das sollte einem persönlichen Gespräch vorbehalten bleiben. Die Fähigkeit dazu darf uns in der digitalen Welt nicht verloren gehen. Vor einem Gespräch kann man sich leicht drücken oder sich ängstigen. Dennoch warten viele Menschen auch heute darauf, dass jemand mit ihnen spricht, sie anhört und ihnen mit Respekt und Wohlwollen begegnet. Ein gutes Gespräch ist ein wirkliches Werk der Barmherzigkeit – eine Wohltat, die wir einander erweisen können. Vieles hängt, besonders in unseren Familien, von einer guten Gesprächskultur ab.

2. Zeit verschenken
Menschliche Beziehungen leben davon, dass man Zeit füreinander hat. Ob ich Zeit für etwas habe, liegt daran, welchen Stellenwert ich dem Ereignis, der Einladung, dem Menschen oder auch der Arbeit zumesse. Manche Menschen leben heute so, dass man es ihnen anmerkt, wie sie unter Zeitdruck sind. Ihr Terminkalender ist immer voll und beherrscht sie. Sie erwecken den Eindruck, dass sie für nichts und niemanden mehr Zeit übrig haben.
Gebraucht werden heute aber Menschen, an denen man spürt, dass sie Zeit haben – vor allem für ihren Nächsten, für einen Dienst, den keiner machen will, für den Aufbau der Gemeinschaft. Das kostbare Gut Zeit zu verschenken ist ein Werk der Barmherzigkeit in einer Zeit, in der viele wie im Dauerstress erscheinen und scheinbar keine Zeit haben.
Wer Zeit hat, der kann zuhören, der bleibt gelassen und lässt sich von der Vielfalt der Aufgaben nicht beunruhigen. Wir dürfen dankbar sein für Menschen, die mit ihrer Zeit so umgehen, dass immer etwas übrig bleibt. Das macht sie zu angenehmen Zeitgenossen.

3. Sich um die Schöpfung sorgen
Papst Franziskus hat in seiner Enzyklika „Laudato si“ von der Sorge für das gemeinsame Haus Erde gesprochen. „Die Zerstörung der menschlichen Umwelt ist etwas sehr Ernstes, denn Gott vertraute dem Menschen nicht nur die Welt an, sondern sein Leben selbst ist ein Geschenk, das vor verschiedenen Formen des Niedergangs geschützt werden muss,“ schreibt der Papst. Er weist darauf hin, dass vor allem in der Familie eine Kultur des Lebens gestiftet wird. „In der Familie werden die ersten Gewohnheiten der Liebe und Sorge für das Leben gehegt, wie zum Beispiel der rechte Gebrauch der Dinge, Ordnung und Sauberkeit, die Achtung des örtlichen Ökosystems und der Schutz aller erschaffenen Wesen.“
Wir sind nicht nur um unseretwillen für die Welt verantwortlich, sondern auch im Blick auf die künftigen Generationen. Sich in kleinen und großen Dingen einen Lebensstil angewöhnen, der die Verantwortung für die Umwelt nicht vergisst, kann eine Haltung der Liebe sein, die unsere eigene Würde zum Ausdruck bringt. Wer sich um die Schöpfung sorgt, vergisst seinen Egoismus, seine augenblicklichen Interessen. Er weiß, dass er nicht allein auf dieser Welt ist. Sein Horizont wird weiter und barmherziger.

Liebe Schwestern und Brüder,
die Werke der Barmherzigkeit, über die ich mit Ihnen nachgedacht habe, zeigen, dass Christsein sehr praktisch sein kann – und damit auch unsere diesjährige Vorbereitung auf das Osterfest.
Unsere Fastenvorsätze sollten ausdrücken, dass wir bereit sind, den Vater im Himmel nachzuahmen und wie er den Menschen zugewandt und mit Empathie zu begegnen.
Zuerst lernen wir das von Gott selbst, wenn wir uns in seine barmherzigen Hände begeben, indem wir um Vergebung für unsere Sünden im Sakrament der Buße bitten.
Ich würde mich freuen, wenn viele die Angebote zur Glaubensvertiefung im Heiligen Jahr an unserem Wallfahrtsort Neuzelle nutzen. Hier können wir einander stärken in unserem Bemühen um die Haltung der Barmherzigkeit.

Für den Weg durch die heiligen 40 Tage der österlichen Bußzeit segne euch der allmächtige Gott, der Vater, + der Sohn und der Heilige Geist.
Euer Bischof

+ Wolfgang Ipolt

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