6. November 2015

Archivare aus Breslau/Wroclaw besuchen Görlitz – der Bistumsarchivar gibt Einblicke in sein Reich

Görlitz. Archivare aus Breslau/ Wroclaw führte ihre jährliche Bildungsreise nach Görlitz. Im Archiv des Bischöflichen Ordinariates in Görlitz finden sie gemeinsame Geschichte.

Die „Abteilung Breslau des Verbandes der polnischen Archivare“ besuchte am 24. Oktober die Stadt Görlitz und dabei das Bistumsarchiv. Auf ihren jährlichen Bildungsreisen machten die Breslauer Archivare diesmal Halt in der Stadt an der Lausitzer Neiße, die mehrere Generationen zur Provinz Schlesien gehörte. Der  Görlitzer Bistumsarchivar Dr. Winfried Töpler begrüßte die 46 Gäste im Namen von Bischof Wolfgang Ipolt, der zu dieser Zeit in Rom war. Töpler stellte ihnen zunächst das Haus vor. In Fenstern im  Treppenhaus ist beispielsweise auch das Wappen des Erzbistums Breslau zu sehen. Danach ging der Archivar auf die Geschichte des Bistums ein. Das Gebiet des heutigen Bistums Görlitz gehörte im Mittelalter zum Bistum Meißen und kam dann erst zu Breslau. Es war dann Teil des schlesischen Bistums, bis es 1945 von ihm getrennt wurde. Dadurch gibt es sehr viele schlesische Bezüge, aber keine originären schlesischen Aktenbestände im Bistumsarchiv Görlitz. Durch die geringe Katholikenzahl im Bistum Görlitz ist auch die Verwaltung des Bistums einschließlich des Archivs sehr klein.

Von Pfarrchroniken und „Ortsakten“ zum Archiv

Der Görlitzer Bistumsarchivar berichtete von den verschiedenen Ursprüngen und Kernbeständen des Bistumsarchivs. Da sind zunächst die vielen Personalakten und Nachlässe schlesischer Priester zu nennen, für die der in Görlitz damals residierende Kapitelsvikar Ordinarius war. Als bedeutend werden die  Nachlässe der Geistlichen Prof. Dr. Hermann Hoffmann und Dr. Johannes Kaps angesehen. Letzterer hat mit Fragebögen und der Sammlung von Pfarrchroniken den Grundstock für die sogenannten „Ortsakten“ des Bistumsarchivs gelegt. Doch musste darauf hingewiesen werden, dass diese Chroniken von den Pfarrern erst nach ihrer Vertreibung aus ihrer Erinnerung heraus geschrieben wurden. Danach wies der Archivar auf verschiedene „schlesische Bestände“ hin, so die Sammlung von Fotokopien, die als Grundlage für das „Schlesische Urkundenbuch“ dienten. Ein weiterer Bestand ist die „Sammlung Scheja“, in der die von einem Immobilienmakler auf dem Schwarzmarkt erworbenen Akten zusammengefasst wurden. Diese Akten stammten größtenteils aus verschiedenen Pfarreien Schlesiens, wurden später jedoch auseinandergerissen, um an „schöne Schriftstücke“ und an Wasserzeichen zu gelangen. Der Archivar steht nun vor der Aufgabe, aus dem ihm überlassenen „Papierberg“ einen brauchbaren Archivbestand zu formen. Schließlich weist das Archiv einen ganz besonderen Bestand auf, der digital erfasst wurde, und nun in elektronischer Form vorliegt und vom Bistumsarchivar bearbeitet wird.

Über das Bistum weit hinaus reichende Archiv-Bestände

1965 und 1966 war in Breslau/ Wroclaw das Archiv des Erzbischofs und Kardinals Adolf Bertram, der zugleich Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz war, mikroverfilmt worden. Dies musste damals vor staatlichen Stellen streng geheim gehalten werden. Heute kann darüber offen gesprochen werden. Auch wenn die Qualität der Aufnahmen lange nicht an heutige Qualitätsvorstellungen heranreichte, wird die digitalisierte Form der Dokumente die Forschungsarbeit an den Quellen erleichtern. Das Interesse der Breslauer Archivare war groß. Sie hörten gespannt zu, einige von ihnen fotografierten. Später durften sie in kleinen Gruppen durch die gut gesicherten Archivräume gehen und sich die Magazinräume ansehen.

Sichtlich beeindruckt von dem kleinen Archiv mit seinen, über das Bistum Görlitz weit hinaus reichenden wichtigen Beständen, verließen sie nach zwei Stunden das Bischöfliche Ordinariat. Von dort ging es in die Innenstadt, um sich in der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften, in der Neißstraße 30,  umzusehen. Deren Leiter Matthias Wenzel gehört zur Pfarrei Heiliger Wenzel in Görlitz. Mehr als 140 000 Bände dokumentieren in dieser Bibliothek Geschichte und Kultur, Kunst, Natur, Wirtschaft und Gesellschaft der Region zwischen Dresden und Breslau/Wroclaw. Der Besuch der Breslauer Archivare zeigt, trotz aller Unterschiede in den Behördenstrukturen, die gemeinsamen Grundlagen wissenschaftlicher Arbeit auf.

Dieser Beitrag stammt aus der aktuellen Ausgabe des TAG DES HERRN, zum 8. November 2015.

Text: Dr. Winfried Töpler und Raphael Schmidt

Fotos: Lic. iur. can. Katja Wöhle

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