29. August 2023

Anbetung verändert das Leben

Anbetung verändert das Leben

Zwei Tage lang drehte sich in Kloster Neuzelle beim „Adoratio-Kongress“ alles um den eucharistischen Herrn.

Erstveröffentlichung: Die Tagepost. Von Oliver Gierens

Vor dem Allerheiligsten werden Gnaden erbetet, die die Welt dringend braucht. Foto: Oliver Gierens

Der sonst so beschauliche Ort Neuzelle mit seinem Zisterzienserkloster war an diesem Wochenende Schauplatz eines Kongresses, der Teilnehmer aus ganz Deutschland angezogen hat. Hier in der Nähe von Frankfurt (Oder) ist das einzige Barockkloster Brandenburgs beheimatet, das seit 2017 wieder von Zisterziensermönchen aus dem Stift Heiligenkreuz bei Wien besiedelt worden ist. Die Mönche haben in diesem Jahr zum zweiten Mal zu einer besonderen Veranstaltung eingeladen: Dem  „Adoratio-Kongress“ im Bistum Görlitz – diesmal sogar zwei Tage lang mit Vorträgen und Anbetung, mit Messfeiern und Beichte rund um die Eucharistie und ihre Verehrung.

Ein Wagnis im Osten

Als die Veranstaltung im letzten Jahr erstmals über die Bühne ging, war das durchaus ein Wagnis im Osten Deutschlands direkt an der polnischen Grenze mit einem Katholikenanteil von gut 2,5 Prozent. Entstanden sind die „Adoratio-Kongresse“ in einer Region, die in religiöser Hinsicht gegensätzlicher nicht sein könnte: Im Bistum Passau, konkret im bayerischen Wallfahrtsort Altötting, fand 2019 der erste Kongress statt, 2021 folgte in Corona-Zeiten eine Online-Variante. Doch offensichtlich ist die Saat aufgegangen, wiederum füllte sich die Kirche bis auf wenige freie Plätze. Die besondere Atmosphäre in der prächtigen Stiftskirche, die im 17. und 18. Jahrhundert im Stil des böhmischen Barocks umgebaut wurde, mag das Ihre dazu beigetragen haben.

In drei Vorträgen gaben Menschen Zeugnis davon, wie sie die Anbetung des Allerheiligsten verändert hat – und wie sie insbesondere in Pfarreien die Anbetung fördern. Doch Vorträge bleiben letztlich Theorie – auf die Praxis kommt es an, wie auch der Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt in seiner Predigt zur Eröffnungsmesse unterstrich. „Beten lernt man nur durch Beten“, sagte Ipolt, so hilfreich ab und zu einige Hinweise und unterstützende Bemerkungen sein könnten. „Aber das ersetzt niemals die Praxis.“ Er warf die Frage auf, welche Voraussetzungen es brauche für die Teilnahme an einer Eucharistiefeier – und nannte in erster Linie die persönliche Anwesenheit. Das ist vor allem seit der Corona-Pandemie nicht mehr selbstverständlich. Auch er höre immer wieder von Gläubigen, die von den Messübertragungen im Fernsehen oder im Internet begeistert sind – und die doch viel schöner gestaltet seien als die Messfeiern vor Ort. „Kann man eine Messe anschauen?“, fragte der Bischof.

Actuosa participatio

Er gehe zwar davon aus, dass bei der Mitfeier über die Medien eine persönliche Teilnahme – wenn auch begrenzt – möglich und auch gewollt sei. Das sollte aber eigentlich nur für kranke und ältere Menschen gelten, die nicht mehr zur Kirche kommen können. „Grundsätzlich ist die Eucharistiefeier eine Live-Veranstaltung“, sagte Ipolt. „Die kann man nicht woanders in der Ferne miterleben.“ Deswegen sei Anwesenheit und persönliche Gegenwart die erste und wichtigste Voraussetzung. „So wie wir jetzt sind, sind wir jetzt hier“, so Ipolt weiter. Es sei nicht entscheidend, ob man wach oder ein wenig verschlafen sei. Die Anwesenheit in der Messfeier müsse der Lust und Laune entzogen sein – und auch der Frage, welcher Priester ihr gerade vorstehe.

Hinzu komme ein zweiter Punkt: Man könne zwar anwesend, aber zugleich teilnahmslos sein. „Actuosa participatio“, die tätige Teilnahme, sei aber ein Schlüsselbegriff des Zweiten Vatikanischen Konzils gewesen. Die Messfeier setze eine aktive Teilnahme der Gläubigen voraus, sie sei niemals „Theater“, bei dem man einfach zuschauen könne. „Teilnehmen heißt: Jeder bringt seinen Glauben, sein Leben mit“, machte der Bischof deutlich. Und einige Anwesende würden ihre Anliegen symbolisch auf den Altar legen. Das eigene Leben mit Freude und Leid könne dort verwandelt werden. „Jedes Gebet und jedes Lied, in das wir einstimmen, ist ein Zeichen, dass wir nicht nur Zuschauer sind.“

Und der Görlitzer Bischof nannte einen dritten Punkt, der für die Teilnahme an der Eucharistiefeier entscheidend sei: Die innere Haltung, ohne die die Eucharistiefeier leer bliebe. „Unser Leben ist die eigentliche und letzte Gabe, die wir immer haben.“ Dabei könnten wir dem einen Opfer Christi nichts hinzufügen. In seinem Sterben habe er ein für allemal das Entscheidende getan, einen größeren Einsatz könne es nicht geben. Wir könnten uns aber an Ihn anschließen – mit unserer Bereitschaft, mit unserer Hingabe, zum Beispiel mit dem stillen Gebet „Jesus, Dir leb‘ ich, Jesus, Dir sterb‘ ich“. So gebe man sein Leben in die Hostienschale mit hinein. „Ich bin sicher, dass durch die Teilnahme an der Messfeier auch in unserem Leben Wandlung geschieht.“

Förderung der Eucharistischen Anbetung

Einer, der sich der Förderung der Eucharistischen Anbetung durch sein Ordensleben verschrieben hat, ist Pater Diederik Duzijn. Der gebürtige Niederländer gehört zu den „Missionaren der Allerheiligsten Eucharistie“ im südfranzösischen St.-Maximin-la-Ste.-Baume. Das Ziel der Priestergemeinschaft ist nach eigener Darstellung, sich nicht nur selbst der ununterbrochenen Anbetung zu widmen, sondern auch ein „eucharistisches Apostolat“: Die Gemeinschaft zieht durch die Pfarreien in Frankreich und wirbt dort für regelmäßige Anbetungsstunden – und das offenbar durchaus mit Erfolg, wie Pater Duzijn im Gespräch mit der „Tagespost“ erklärt.

In seinem Vortrag in der Neuzeller Stiftsbasilika erzählte er vor allem eine persönliche Geschichte. Seine Mutter lebte einst in Niederländisch-Ostindien, dem heutigen Indonesien. Im Zweiten Weltkrieg eroberten die Japaner die holländische Kolonie, viele Niederländer wurden in Konzentrationslagern interniert – so auch seine Mutter. Ein Priester, der dort ebenfalls gefangen war, habe ihr jeden Tag einen Krümel vom eucharistischen Brot abgegeben. „Ich habe den Krieg überlebt durch die Eucharistie“, habe seine Mutter einmal zu ihm gesagt. „Die Wahrheit des Lebens ist die Eucharistie“, habe sie ihm zudem mit auf den Weg gegeben. „Wir wissen alle, dass das wahr ist“, so Pater Duzijn. „Eucharistie ist Jesus, der sich selbst hingibt – und er ist wirklich Quelle des ewigen Lebens und der Gnaden.“

Pater Duzijn ging erst einen anderen Weg und wurde Manager. Mit etwa 50 Jahren gab er sein altes Leben auf und begann eine Priesterausbildung. Eine tiefe Lebenskrise sei dieser Entscheidung vorausgegangen, persönlich, psychologisch und auch spirituell. Wer bin ich? Wer ist Christus? Was will er von mir? Was ist die Wahrheit? Diese Fragen habe er sich gestellt. Und er habe im Internet zum Stichwort „Eucharistische Anbetung“ gesucht – obwohl er die Anbetungspraxis vorher nicht erlebt habe. In einer kleinen Kapelle in Holland fand er sie – und habe eine Erfahrung gemacht, als sich vom allerheiligsten Sakrament ein spürbares Band zu seinem Herzen entfaltet habe. Da habe er wirklich gespürt, dass Jesus persönlich anwesend sei – und sein Leben radikal geändert.

Leben in Christus

„Der Eucharistie habe ich alles zu verdanken: Das Leben mit Gott, das Leben in Gott, das Leben in Christus“, unterstrich der Geistliche. Diese Erfahrung gibt er an andere Menschen weiter, wie er im Gespräch mit der „Tagespost“ erklärt. Für die Gemeinschaft, der er angehört, geht er auf Reisen und leitet die Gemeinden an, wie sie die Eucharistische Anbetung aufbauen können. Nach zwei bis drei Jahren gibt es dann einen „Booster“, wie er es nennt. Dann werden dieselben Gemeinden nochmals besucht – und geschaut, ob die Anbetung noch stattfinde. Seine positive Bilanz lautet: Die Anbetung ziehe Jugendliche, Familien und andere Menschen an, das höre er immer wieder in den Beichten.

Und er gibt auch praktische Tipps für die Anbetung: So sei es nicht entscheidend, ob das Gebet trocken sei und sich kein „besonderes“ Gefühl einstellen wolle. „Der Maßstab ist die Wahrheit“, sagt Pater Duzijn. „Jesus ist da. Sei dort – einfach dort, mache nichts und sitze einfach da.“ Auch der Rosenkranz könnte in den Gebetsrhythmus einstimmen. Anbetung sei nicht nur etwas für bereits glaubensfeste Menschen, sie trage auch zur Neuevangelisierung bei. „Menschen machen Erfahrungen“, ist er überzeugt. Das gelte auch für jene, die noch glaubensfern seien. Gerade in der heutigen Zeit sei das besonders wichtig: „Die Volkskirche stirbt, und die neue Kirche besteht aus denen, die wirklich glauben wollen.“

Initiativen, die die eucharistische Anbetung fördern, gibt es aber ebenso in Deutschland. Davon erzählt Margarita Beßler. Sie stammt aus dem Bistum Augsburg und entdeckte die Anbetung, nachdem sie ihr Geschäft aufgegeben hatte. Langsam wuchs die Initiative heran, erst vor dem geschlossenen Tabernakel, dann gelegentlich vor dem ausgesetzten Allerheiligsten. Nach einem Priesterwechsel kam eine Anbetungskapelle hinzu. „Demut ist wichtig, wenn man dem Herrn dienen will“, macht Frau Beßler deutlich. „Dazu gehört Gehorsam gegenüber den Priestern, nichts ohne Absprache zu tun.“ Seit zwölf Jahren funktioniert nun die Anbetung in ihrer Pfarrei, immer mehr Stunden hätten sich gefüllt. Seit eineinhalb Jahren seien 40 Stunden pro Woche belegt. Auch für in Not geratene Menschen setzt sich Margarita Beßler inzwischen ein.

Weite Wege

Es sind solche Zeugnisse, die die Besucher an diesen beiden Tagen in Neuzelle aufbauen. Silvia Herrmann ist an diesem Samstag aus Neuhardenberg östlich von Berlin angereist. Ein Impuls, den sie an diesem Morgen im Radio gehört habe, habe sie hierher geführt. Die Anbetung, so erzählt sie, gebe ihr neue Kraft und innere Freude. „Sie ist Berührung und Gespräch mit ihm.“ Sie vergleicht den Glauben mit einem Pferd. „Das kann nicht immer nur laufen, es muss auch mal auf der Weide grasen.“ Ein solche Ruhepunkt sei die Anbetung.

Einen erheblich weiteren Anreiseweg hatte Monika Egger aus Aitrach bei Memmingen. Letztes Jahr hat sie den Adoratio-Kongress im Fernsehen gesehen, nun will sie selbst dabei sein. „Ich wollte immer hierher“, erzählt sie im Gespräch. Nun habe sie der Heilige Geist hierhin geführt. Seit etwa 13 Jahren stehe sie fest im Glauben, auch zu Hause gehe sie jeden Tag zur Anbetung in die Kirche. „Wenn wir jetzt nicht evangelisieren“, so fragt sie, „wann dann?“

Erstveröffentlichung: Die Tagespost

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