20. Januar 2018

Brückenbauer nicht nur für Katholiken – Bischof und Generalvikar solidarisch mit Arbeitnehmern

Einen Demonstrations-Zug wie gestern Mittag, mit fast 10.000 Menschen durch Görlitz, hat es seit der politischen Wende nicht mehr gegeben und derartig viele Menschen zu einer Großkundgebung bot seitdem auch keine Partei mehr im Wahlkampf auf.

„In Görlitz und Niesky sind so viele Arbeitsplätze in Gefahr, dass die ganze Region der Oberlausitz davon betroffen ist. Die Kirchen stellen sich auf die Seite der Arbeitnehmer von Bombardier, Siemens und Waggonbau Niesky, ihrer Familien sowie all derer, die hier leben und arbeiten – und dies weiter tun wollen. Ich habe ab dem Werkstor an der Demonstration teilgenommen, weil wir zusammengehören. Ich freue mich über das heutige großartige Zeichen des Zusammenhalts der Bürger dieser Stadt und der Region sowie über die Unterstützung aus vielen Teilen Deutschlands“, sagt Generalvikar Dr. Alfred Hoffmann. Gleich nach dem Mittagessen ist er zum Siemens-Werk geeilt. Er wäre auch zum Bombardierwerk gegangen, doch das hätte er zeitlich zu Fuß nicht erreichen können. Das Durchkommen mit Fahrzeugen aufgrund gesperrter Straßen, war nicht möglich. Der Generalvikar, ein ehemaliger Elektriker, wollte bei den Arbeitnehmern stehen, mit ihnen laufen, sich mit ihnen solidarisch zeigen. Weiter sagt er: „Aus Polen kamen Vertreter der Solidarność – Bewegung und bauten so eine europäische Brücke der Solidarität. Mitten in Europa haben wir Flagge gezeigt. Wir wollen hier in unserer Heimat gemeinsam ein lebenswertes Europa bauen. Daran erinnerte auch das Läuten der Kirchenglocken der Stadt vor Beginn der Kundgebung auf dem Obermarkt, der voller Menschen war. Besonders freue mich, dass Schüler verschiedener Schulen das Wort ergriffen und an die Verantwortung für die Zukunft dieser Region erinnern“.

Die beiden Demonstrationszüge vereinen sich in der Innenstadt, ziehen vorbei an der Frauenkirche. Dort fanden 1989 die Friedensgebete statt. Um Gerechtigkeit wurde gebetet und als der Demonstrationszug an der Kirche vorbei zog, bitten Christen, bei einem ökumenischen Gottesdienst, Gott um seine Hilfe, damit die Stadt und die Region weiterhin eine gute Zukunft haben können.

Auf dem Obermarkt wird Bischof Wolfgang Ipolt kurz vor Beginn der Kundgebung von einem Rundfunkreporter aus der Schweiz interviewt. Die Region, der möglicherweise das wirtschaftliche Rückgrat gebrochen wird und in der es zu weiteren Verwerfungen in der Gesellschaft kommen kann, wenn insbesondere die Jugend hier keine Perspektiven mehr hat, wird demnach auch von Ländern um Deutschland beobachtet.

Der Demonstrationszug kommt kurz vor 14 Uhr auf dem Obermarkt zum Stehen. Angeführt wird er unter anderem vom stellvertretenden Ministerpräsidenten Martin Dulig. Neben ihm läuft Octavian Ursu. Er ist Landtagsabgeordneter und gehört zur Pfarrei Heiliger Wenzel in Görlitz. Aus der Frauenkirche sind die Seelsorger und Gläubige ebenso eingetroffen. Generalsuperintendent Martin Herche steht nun vor dem Mikrofon aus der Schweiz.

Bischof Ipolt hat den Termin der Kundgebung zwischen zwei Sitzungen einschieben können. Er sagt: „Die Sorgen der Menschen, die Nöte, die Fragen, das sind auch die Sorgen der Kirche. Wir sind verantwortlich für die Menschen hier. Ich möchte das ausdrücken, indem ich hierher gegangen bin, um mit den Betroffenen zu teilen. Ich kann meine Stimme erheben – und das habe ich getan, weil es um die Menschen geht. Damit verbunden um deren Arbeitsplätze. Es ist Aufgabe der Kirche für alle einzutreten, nicht nur für die eigenen Kirchenmitglieder“.

Dafür ist der Oberbürgermeister der Stadt Görlitz sehr dankbar. Er sagt: „Mir bedeutet der Schulterschluss der Gesellschaft hier, der besonders getragen ist durch die Kirchen, sehr viel. Wir sollten unsere Sorgen nicht auf unsere Kinder übertragen, die haben später ihre eigenen. Die Kirche hat hier eine besondere Funktion. Für mich war besonders beeindruckend, dass es nicht nur das Mitfühlen war, das Gespräch, sondern die klare Botschaft an die Konzerne: So geht es nicht! So hat sich Bischof Ipolt an den Vorstand und den Aufsichtsrat von Siemens gewendet. Und das ist eine Qualität, die hat es in sich.“

Inzwischen hat der Schweizer Reporter das Interview mit Generalsuperintendent Herche beendet. Auch er äußert sich eindeutig: „Als Kirchen stehen wir an der Seite aller, die sich für eine gute Zukunft mit sicheren Arbeitsplätzen einsetzen. Deshalb haben wir zur Fürbittenandacht eingeladen und deshalb bin ich heute selbstverständlich dabei. Ich freue mich über die große Beteiligung an dieser Demonstration. Gerade in dieser schwierigen Situation sind Zusammenhalt und Solidarität in Görlitz und der ganzen Region wichtig. Ich hoffe, dass die Verantwortlichen in den Konzernen die Botschaft deutlich hören: Die Arbeitsplätze in Görlitz und Niesky müssen erhalten bleiben!“

Die Demonstration wurde live übertragen. Darüber hinaus gibt es unter anderem diese Beiträge:

ZDF

MDR

Sächsische Zeitung

Freie Presse

 

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