10. November 2019

Wach bleiben für die Führung Gottes – Ökumenischer Gottesdienst am 9. November

„Sobald der Ablauf der Ereignisse dieser Nacht die Verwendung der eingesetzten Beamten hierfür zulässt, sind in allen Bezirken so viele Juden – insbesondere wohlhabende – festzunehmen, als in den vorhandenen Hafträumen untergebracht werden können. Es sind zunächst nur gesunde, männliche Juden nicht zu hohen Alters festzunehmen. Nach Durchführung der Festnahme ist unverzüglich mit den zuständigen Konzentrationslagern wegen schnellster Unterbringung der Juden in den Lagern Verbindung aufzunehmen.“ Mit diesen Worten aus dem Fernschreiben von SS-Gruppenführer Reinhard Heydrich, wird beim Ökumenischen Gottesdienst am 9. November 2019, in der voll besetzten evangelischen Frauenkirche in Görlitz verlesen und soll an die Schrecken des Nationalsozialismus und der Reichspogromnacht am 9. November 1938 erinnern.

„Der Feind hat alles verheert im Heiligtum.

Deine Widersacher brüllen in deinem Hause und stellen ihre Banner auf als Zeichen des Sieges.

Hoch sieht man Äxte sich heben wie im Dickicht des Waldes.

Sie zerschlagen all sein Schnitzwerk mit Beilen und Hacken.

Sie verbrennen dein Heiligtum,

bis auf den Grund entweihen sie die Wohnung deines Namens.

Sie sprechen in ihrem Herzen: / Lasst uns sie allesamt unterdrücken!

Sie verbrennen alle Gotteshäuser im Lande.

Unsere Zeichen sehen wir nicht, / kein Prophet ist mehr da,

und keiner ist bei uns, der wüsste, wie lange.

Ach, Gott, wie lange soll der Widersacher schmähen

und der Feind deinen Namen immerfort lästern?

Warum ziehst du deine Hand zurück?

Nimm deine Rechte aus dem Gewand und mach ein Ende!“

der Psalm (74,3-11) wurde gebetet. Von der Orgel erklang danach eine Improvisation des Liedes „O Traurigkeit (EG80).

Die Gottesdienstbesucher hatten die Kirche durch einen übermannshohen Zaun betreten, aus stabilen Kanthölzern, die bespannt sind mit Stacheldraht. In zwei Diktaturen waren Tore der Freiheit geschlossen – in der Kirche sind sie offen. Am 9. November 1989 öffneten sie sich, von Berlin aus. Zuvor wurde der Zaun von Ungarn aus, nach Österreich, zerschnitten. Daran erinnert ein gebürtiger Ungar, der jetzt mit seiner Familie in Görlitz lebt und diese Zaunsegmente in der Kirche aufgebaut hat.

An diesem „geschichtsträchtigen und geschichtsbeladenen Tag“, wie es Bischof Wolfgang Ipolt sagte, wird auch an den Mauerfall vor 30 Jahren gedacht. „Für das Jahr 1938 gehören wir nicht mehr zur Erlebnisgeneration, wohl aber für das Jahr 1989. Und da hat jeder von uns seine eigenen Erinnerungen und Gefühle. Ich gebe zu, ich bin immer noch emotional berührt, wenn ich die Bilder von damals im Fernsehen sehe: die Ankündigung von Herrn Schabowski in der ,Aktuellen Kamera‘ und die vielen Menschen, die die Mauer langsam einreißen und kleine Öffnungen hineinhämmerten, die sich umarmenden und weinenden Menschen als sie die Grenze überschritten“, sagte der Bischof unter anderem in seiner Ansprache.

In den Fürbitten kommt besonders Dank zum Ausdruck:

„An diesem Abend, du befreiender Gott, lass uns dankbar sein und dankbar bleiben für deine Güte:

Wir denken an den Fall der Mauer vor 30 Jahren. Wir denken an den Mut und die Zivilcourage der Bürgerrechtler, an die starken Vorbilder, die sie in unserem Nachbarland Polen schon lange zuvor gefunden hatten. Wir denken an die Wege in Europa, die wir gestalten durften und immer noch gestalten dürfen – in Geduld und Klarheit. Wir denken an gewährte und gelebte Versöhnung.

Ja, lass uns in Dankbarkeit das Gute wahrnehmen und ihm folgen.

An diesem Abend, du Gott des Trostes, denken wir aber auch an alle die, deren Familien auseinandergerissen waren in der Zeit der Teilung. Wir denken an diejenigen, die wegen ihrer Meinung oder ihres Freiheitswillens inhaftiert und bedrückt wurden. Wir denken an die, die ihre schlimmen Erfahrungen nicht los werden können.

Ja, lass uns in wahrhaftiger Erinnerung und Solidarität zu denen stehen, die so schweres zu ertragen hatten.

An diesem Abend, du Gott des Friedens, denken wir dankbar an alle die, die sich für Gewaltlosigkeit eingesetzt haben: an die Demonstranten und die Polizisten, an die Vermittler und die Seelsorger. Und wir bitten für alle, die heute für den inneren Frieden sorgen: Stärke sie in ihrer Verantwortung, gib ihnen Zuversicht und Menschen, die zeigen, wie wichtig der Dienst aneinander ist.

An diesem Abend, du Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, du Vater Jesu Christi, erschrecken wir aber auch, wenn wir zurückdenken an Unrecht, Hass, Unbarmherzigkeit und Brutalität, die jüdische Menschen heut Abend vor 81 Jahren auch in Görlitz erlitten haben. Wie konnten Bürger ein und derselben Stadt so unmenschlich werden gegenüber ihren Mitbürgern?

An diesem Abend, du Gott des Bundes, erschrecken wir über die Rechtfertigungen und Ausflüchte, die nach den schlimmen Übergriffen geäußert wurden. Wir erschrecken über das Schweigen danach und die Verdrängung der Schuld. Wir erschrecken darüber, wie viele das heute wegschieben oder kleinreden wollen.

Lass uns in solchem Erschrecken aufwachen zu einem verantwortlichen Leben heute: Dass wir mutig eintreten gegen die Verdrehung der Geschichte und zur Ausrichtung der Gewissen an deinen Geboten helfen.

An diesem Abend, gütiger Gott, bitten wir um deinen Segen für unsere Stadt: Lass uns zueinanderstehen und aufeinander achten, dass wir die Nöte und Sorgen der Menschen bei uns wahrnehmen und miteinander nach Veränderungsmöglichkeiten suchen, dass wir uns gastlich zeigen und anderen zur Beheimatung helfen.

Gib uns Kraft und Zuversicht: dass wir der Resignation und der Intoleranz widerstehen.“

Bischof Ipolt ging in seiner Ansprache bei den Ereignissen vor 30 Jahren auf das Wirken Gottes ein. Er sagte: „Geschichte ist in unseren Augen nicht eine Ansammlung von Zufällen, sondern sie ist immer Geschichte Gottes mit den Menschen – zumindest kann sie es werden, wenn der Mensch wach bleibt für die Führung Gottes. Damals beim Fall der Mauer haben viele – auch nicht gläubige Menschen – das Wort ,Wunder‘ in den Mund genommen. Wunder aber sind in unserem Sprachgebrauch Zeichen Gottes, sind Ereignisse und Veränderungen, bei denen er seine Hand im Spiel hat. Ob das damals wohl viele Menschen irgendwie geahnt haben? Es war ein Wunder – vor allem, dass kein Blut geflossen ist; es war ein Wunder, das wir Deutschen wieder zueinander finden konnten. Gott zeigt sich, er offenbart sich, in der Geschichte.“

Nach dem Vaterunser und dem Segen gingen die Gottesdienstbesucher durch die Seiteneingänge aus der Kirche. An den Ausgängen erhielten sie je eine Rose und eine Kerze. Ein Lichterzug setzte sich in Bewegung, Ziel war die einige hundert Meter entfernte Synagoge.

Zurück in der Frauenkirche blieb die Ausstellung zu den Ereignissen vor 30 Jahren:

 

„Ein Licht in die Hand nehmen ist immer ein Zeichen der Hoffnung. Ein wenig Finsternis verschwindet. Ein Licht in die Hand nehmen ist auch ein Zeichen des Vertrauens auf Christus, der von sich gesagt hat: ,Ich bin das Licht der Welt‘ (Joh 9, 5). Ein Licht in die Hand nehmen heißt aber auch, sich bewusstwerden, was mein Auftrag ist, den ich durch die Taufe empfangen habe. Jesus sagt auch: ,Ihr seid das Licht der Welt‘ (Mt 5, 14). Damit macht er uns zum Lichtträger und Hoffnungsbringer“, sagte der Bischof.

Die Lichter und die roten Rosen wurden unter den Klängen einer Trompete an der Synagoge abgestellt, ein Kranz vor der Tür des Gebäudes, das derzeit eine Baustelle ist, abgelegt. „Dass wir die Kerzen heute an diesem Tag als Christen dorthin tragen, möge ein Zeichen der Achtsamkeit und der Verbundenheit mit den jüdischen Mitbürgern in unserem Land sein“, sagte Bischof Ipolt.

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