5. Oktober 2019

Freiheit ist nicht nur ein Wort… – Auf den Spuren der Friedlichen Revolution in Prag

Auf den Spuren der Friedlichen Revolution in Prag war eine Delegation aus zehn deutschen Diözesen, darunter waren zwei aus dem Bistum Görlitz. Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Medien, aus Kirche und Kultur waren zu einer Begegnungsreise  in ökumenischer Verbundenheit eingeladen worden vom Katholischen und  Evangelischen Büro Sachsen und der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen. Die katholische Wochenzeitung TAG DES HERRN berichtet in der aktuellen Ausgabe zum 6. Oktober, auf der Görlitzseite unten rechts.

Von Michael Baudisch, Pressesprecher des Bistums Dresden Meißen, stammt der nachfolgende Bericht:

Prag/Dresden, 30.09.2019: Im September 1989 sind sie auf den Parkplätzen Prags im weiten Umkreis des BRD-Botschaftsgeländes unübersehbar: verlassene Trabis und Wartburgs, abgestellt und zurückgelassen. Deren Besitzer haben sich – getrieben vom Wunsch nach Freiheit – auf einen wagemutigen Weg gemacht. Zwischen den Kirschbäumen an der rückseitig gelegenen Parkanlage hindurch versuchen sie sich zum Zaun der Diplomatischen Vertretung durchzuschlagen. Tausenden ist das inzwischen gelungen. Ganze Familien sind es, die über die Einzäunung des Palais‘ auf das Botschaftsgelände geklettert sind. Hier harren sie unter zunehmend dramatischeren Bedingungen aus. Vertreter von BRD und DDR verhandeln unterdessen über die Möglichkeit, sie in den Westen ausreisen zu lassen.

Es ist schließlich Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der am Abend des 30. September 1989 persönlich auf dem Prager Botschaftsgelände erscheint. Die Uhr zeigt 18:58 Uhr, als er sich vom Balkon der Villa Lobkowitz aus an die DDR-Flüchtlinge wendet: „Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…“ – das befreiende Satzende geht im tausendfachen Jubelschrei unter. Eine Gedenktafel auf dem Balkon erinnert bis heute an den vermutlich berühmtesten unvollständigen Satz der Geschichte.

Eine 40-köpfige Delegation mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Medien, aus Kirche und Kultur hatte sich am vergangenen Wochenende vom 27. bis 29. September von Sachsen aus den Weg gemacht, um diesem Atem der Geschichte nachzuspüren. Dreißig Jahre nach den bewegenden Ereignissen folgten sie vor Ort den Spuren der Friedlichen Revolution, blickten aber auch auf den Fall des Eisernen Vorhangs in den Ostblockstaaten und die Samtene Revolution der Tschechoslowakei zurück. Und trafen dabei auch auf Dr. Rudolf Seiters, der als Bundesminister für besondere Aufgaben die Entwicklungen damals an verantwortlicher Stelle begleitete. An der Seite Hans-Dietrich Genschers war er in die Prager Botschaft gereist. Mit einem Blick auf die dramatischen Tage meint er nun: „Ich bin froh, dass es damals, als wir so sensibel nach allen Seiten verhandeln mussten, Facebook und Twitter noch nicht gab.“

Eingeladen zu dieser Begegnungsreise hatten in ökumenischer Verbundenheit das Katholische und das Evangelische Büro Sachsen gemeinsam mit der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen. „Als Kirchen im Herzen Mitteleuropas sehen wir uns als Brückenbauer zwischen den Menschen auf beiden Seiten der deutsch-tschechischen Grenze“, so die Veranstalter. Ziel der Reise daher: aus der Perspektive der damaligen, befreienden Entwicklungen Chancen für das künftige Miteinander zu entwickeln.
So kam vom Blick auf die Ereignisse des Jahres 1989 ausgehend auch der Blick auf das Heute nicht zu kurz. ZdK-Präsident Prof. Thomas Sternberg erinnerte an ein Wort des Schriftstellers Jean Paul: „Freiheit ist ein Gut, dessen Dasein weniger Vergnügen bereitet als seine Abwesenheit Schmerzen.“ Bischof Heinrich Timmerevers nannte die Deutsche Botschaft in Prag des Jahres 1989 „ein Tor zur Freiheit“. Mit Blick auf aktuelle Fragen brachte er die „Verlustängste“ zur Sprache, die viele Sachsen heute prägen. „Einheit ist ein hohes Gut, Freiheit ist etwas Großes. Es sind aber Sorgen da, die gelöst werden müssen“, so der Bischof von Dresden-Meißen.
In den Räumlichkeiten des Verbindungsbüros des Freistaats Sachsen in Prag, in unmittelbarer Nähe der Karlsbrücke, nahm der tschechische Hochschullehrer Prof. Jan Sokol den Begriff der Freiheit aus philosophischer Perspektive in den Blick. „Paradoxerweise haben sich viele Leute daran gewöhnt, in einem Käfig zu leben. Denn: der Käfig sperrt zwar ein. Er schützt aus ihrer Sicht aber auch vor einer unbekannten Umwelt.“ Gerade Terroristen machten sich diese Verhaltensweisen zunutze, indem sie durch ihre Anschläge freiheitliche Gesellschaften dazu brächten, ihre Freiheiten selbst einzuschränken. Eine Sorge, die Sokol vor allem mit Blick auf die ehemaligen Gesellschaften hinter dem Eisernen Vorhang verband.

Über den Aspekt des „Brücken-Bauens“ sprach in seinem Vortrag der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer Christian Hirte. Dr. Volker Dudeck schließlich gab vor den Gästen aus Sachsen und Tschechien einen Einblick in die Geschichte der Zittauer Fastentücher.
Mit einem ökumenischen Gottesdienst in der katholischen und evangelischen deutschsprachigen Prager Gemeinde endete am Sonntag der Austausch. Und auch hier standen die Erinnerungen an 1989 nochmals im Mittelpunkt. So eröffnete Organistin Linda Sítková den Gottesdienst mit einer Improvisation, bei der sie die Europahymne mit dem Gemeindelied „Nun jauchzt dem Herren“ verwob. In seiner Predigt nannte der sächsische Landesbischof i. R. Jochen Bohl es ein „Glück“, dass die Freiheitsbewegungen in Osteuropa „friedlich, samten blieben.“ Die Welt sei dadurch nach dem Kalten Krieg „zum Guten verändert worden. Heute gestalten die Völker Europas ihre Zukunft gemeinsam.“ Musikalisch gestalteten die Dresdner Kapellknaben unter Leitung von Kirchenmusikdirektor Matthias Liebich den Gottesdienst; die jungen Sänger waren auch bereits tags zuvor zum Tag der Offenen Tür in der Prager Botschaft zu erleben gewesen.
Übrigens: zur Erinnerung an die 1989 in Prag zurückgelassenen DDR-Trabis waren vor der Botschaft zum Jubiläum einige Fahrzeuge aufgereiht worden. Vor dreißig Jahren hatte sich die Stasi der Angelegenheit angenommen. Aus Sorge um den Ruf des Landes organisierte der Geheimdienst den Abtransport der verlassenen Pkw. Doch auch nachdem die rund 5.000 DDR-Flüchtlinge die Prager Botschaft in Sonderzügen verlassen hatten, war das Thema damit nicht erledigt. Bereits wenig später hatte sich die BRD-Botschaft in Prag erneut mit 6.000 Flüchtlingen gefüllt.

Fotos: Raphael Schmidt

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