13. August 2019

Mit Gott Mauern überspringen – Gedanken von Bischof Ipolt zum heutigen Mauer-Gedenken

Gedanken von Bischof Wolfgang Ipolt zum Mauer-Gedenken am heutigen 13. August 2019,

am Gedenkstein auf dem ehemaligen Stasi-Gelände in Görlitz, Reichertstraße:

Einmalig – seltsam, dass sich Menschen versammeln, um an den Bau einer Mauer zu denken…

Aber: Es handelt sich ja um ein mahnendes Gedenken – um eine Erinnerung, die wachgehalten werden soll – weil sie auch für heute wichtig ist oder es sein kann…

Die Teilung unseres Vaterlandes wird künftig in allen Geschichtsbüchern stehen – und nicht zuletzt auch die Opfer, die diese Teilung nach sich gezogen hat…. Daran denken wir heute auch und vor allem. Es war tatsächlich ein „eiserner Vorhang“, den man nicht zur Seite schieben konnte….

Ein solcher Tag kann aber auch Mahnung in anderer Hinsicht sein. Mahnung für die Gegenwart!

Es gibt nicht nur Mauern aus Beton und Stacheldraht – es gibt auch Mauern in den Köpfen und in den Herzen von Menschen;

es gibt nicht nur Einteilungen nach Himmelsrichtungen – Ost und West –

es gibt Mauern, die von innen(!) her trennen, ausschließen, einteilen nach bestimmten Kriterien und danach beurteilen… Es gibt Vorurteile, die jemanden festnageln wollen und dadurch gesellschaftliche Mauern aufrichten.

Das gilt es zu verhindern!

Für mich heißt dieses heutige Gedenken: Es muss immer andere Lösungen und Möglichkeiten geben, um Probleme und Fragen zu lösen – als Mauern zu bauen, als sich abzugrenzen und zu trennen. Nach solchen anderen, besseren, verbindenden Lösungen gilt es zu suchen.

Ich habe vor 1989 einen Psalm gebetet und bete auch heute den gleichen Psalm immer wieder, in dem es heißt: „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern.“ (Ps 18, 30). Wie kann das geschehen? Indem Menschen verschiedener Kulturen sich die Hände reichen, indem wir- wo immer möglich – einbeziehen und nicht ausschließen. Mich treibt der lebendige Gott an, mit IHM gemeinsam dafür zu sorgen, dass Mauern in den Köpfen übersprungen werden.

Möge dieser heutige Gedenktag uns alle, die wir das Jahr 1989 miterlebt haben auch daran erinnern, wofür wir damals gekämpft haben. Dann kann die Wunde des Jahres 1961 weiterhin heilen.

Es gilt das gesprochene Wort!

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