24. Juni 2017

Radpilgern auf Ökumenisch

Ohne Pneuma kein Leben

Gemeinsam unterwegs waren fast 30 Radpilger, die fünf Tage durch die Lausitz fuhren und entlang von Kirchen und Orgeln Menschen begegneten.


Die Radpilger umringen den Taufengel in der Kirche in Klitten. | Foto: Raphael Schmidt

„In den letzten Kriegstagen ist diese Kirche leider abgebrannt bis auf die Grundmauern. Vorher war sie eine der schönsten barocken Kirchen der gesamten Umgebung“, sagt Gabriele Nickus. Sie ist Kirchenführerin in Klitten. Vor ihr in den Bänken sitzen am Samstagvormittag, 10. Juni, fast 30 Pilger, die einen Tag zuvor mit Fahrrädern von Rietschen aus aufgebrochen sind, um fünf Tage, „von Orgel zu Orgel“, unterwegs durch die Lausitz zu sein.
Die Idee zu diesem ersten offiziellen ökumenischen Radpilgern hatten Gabriele Kretschmer, Referentin im Bischöflichen Ordinariat, und der Pfarrer der evangelischen Kreuzkirche in Görlitz, Albrecht Bönisch, der gleichzeitig Orgelsachverständiger ist und auf der Fahrt die Orgeln spielt. Anlass für diese ökumenische Radpilger-Reise ist das 500. Reformationsgedenken. Die Arbeitsteilung bei der Vorbereitung sah so aus, dass Pfarrer Bönisch die Kirchen nach den Orgeln ausgesucht hat und danach Gabriele Kretschmer die Übernachtungen. Sie hat Kerzen mitgenommen. Darauf steht: „Gemeinsam unterwegs“. Dieses „Gemeinsam meint vor allem die ökumenische Gemeinschaft“, sagt sie und: „Das ist eine Erfahrung, die wir erst machen müssen.“

Gemeinsam: Taufe, Musik und Heiliger Geist

Gabriele Nickus hat inzwischen den Taufengel am Seil in den Altarraum hinunterschweben lassen. Dabei wird die erste Gemeinsamkeit deutlich, die Taufe. Zwei weitere Gemeinsamkeiten nennt Pfarrer Bönisch: die Orgel und damit verbunden die Musik und: Pneuma – den Heiligen Geist. Zur Technik der Orgel gibt Pfarrer Bönisch viele Informationen, verteilt ein Lied, steigt die Stufen zur Orgel-Empore hoch und beginnt mit einem Präludium zum siebenstrophigen Pfingsthymnus „Komm, heiliger Geist, der Leben schafft“. Die ersten zwei Strophen werden betrachtet und gesungen, danach folgt ein längeres Orgelnachspiel zur Meditation.
So wie in der Klittener Kirche läuft es in jeder anderen Kirche ab. „Es geht mir darum, die Orgel in ihrer Fülle, in ihren sämtlichen Klangfarben darzustellen“, sagt er, der von der Orgel, die durch Luft zum Klingen gebracht wird, zum Heiligen Geist überleitet. „…dein Schöpferwort rief uns zum Sein, nun hauch uns Gottes Odem ein“, zitiert der Pfarrer die erste Strophe. „Gottes Odem, das ist auch Pneuma, Wind, Atem. Die Orgel atmet. Ohne den Wind sind bei dieser pneumatisch gesteuerten Orgel keine Töne zu hören. Wenn wir das auf uns übertragen, auf uns Christen, auf unseren Glauben, ja auf unser Menschsein, wir können nicht leben ohne Atmen, ohne Geist – und wir können nicht ohne ihn glauben, ohne seinen Antrieb, seine Ansteuerung.  Wir sind also pneumatische Menschen – und die Orgel ist gleichsam ein Abbild für uns“, sagt er.
Den Höhepunkt eines jeden Tages bildete die geistliche Mittagsrast. Als sehr wohltuend und sonst kaum möglich oder bis dahin fremd, empfanden die Teilnehmer die fest eingeräumten Zeiten des Gebetes, der Begegnung mit Gott, in einem der Gotteshäuser. Zur ökumenischen Verbundenheit zählte auch das gemeinsame Beten des „Angelus“, was um zwölf Uhr meist am Wegesrand geschah, sagt Gabriele Kretschmer rückblickend.
Am Ende der Pilgerfahrt sprachen Teilnehmer von „erfüllter Zeit“: „Ich hab mich selbst kennengelernt.“ „Obwohl man sich nicht kannte, entstand ganz schnell eine vertraute Pilgergemeinschaft.“ „So wunderbar viel Zeit mit Gott.“ „Pause im Alltag zum Atemholen.“ Auch im nächsten Jahr ist ein ökumenisches Radpilgern geplant, vermutlich mit Stationen von Kloster zu Kloster.

Von Raphael Schmidt, aus der Kirchenzeitung TAG DES HERRN

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