3. Juni 2017

Ein Christusfest – der gute Weg vom damaligen Konflikt zur wachsenden Gemeinschaft

„Liebe Schwestern und Brüder in Christus! Willkommen zu diesem ökumenischen Gottesdienst, in dem wir gemeinsam der Reformation vor 500 Jahren gedenken. Seit mehr als 50 Jahren befinden sich evangelische und katholische Christen auf dem Weg vom Konflikt zur Gemeinschaft. Mit Freude haben wir erkannt, dass das, was uns verbindet, viel größer ist als das, was uns trennt. Auf diesem Weg sind Verständnis füreinander und Vertrauen zueinander gewachsen.“ –Mit diesen Worten begrüßt Generalsuperintendent Martin Herche die etwa 440 Menschen, die am Abend des 3. Juni zu einem ökumenischen Gottesdienst in die Görlitzer Peterskirche gekommen sind.

Das Gotteshaus steht auf einem Hügel oberhalb der Neiße, die Görlitz mit der polnischen Nachbarstadt Zgorzelec verbindet. Es gab Zeiten, da trennte dieser Fluß die Menschen auf beiden Seiten – heute verbindet er die beiden Teile der Europastadt. Evangelische und katholische Christen waren die längste Zeit der 500 Jahre nach der Reformation eher getrennt. Aber: Das Verständnis füreinander und Vertrauen zueinander ist gewachsen – „Deshalb ist es möglich, dass wir uns heute hier versammeln. Evangelische und katholische Christen, Christen aus Polen und aus Deutschland. Wir kommen mit unterschiedlichen Gedanken und Gefühlen, mit Dankbarkeit und Klage, mit Freude und Schmerz, mit der Freude am Evangelium und der Trauer wegen der Spaltung. Wir sind zusammengekommen, um zu gedenken: in Dank und Schuldbekenntnis, in gemeinsamem Zeugnis und Verpflichtung“, sagt Bischof Wolfgang Ipolt.

Auch Sprache verbindet. Generalvikar Dr. Hoffmann begrüßt auf Polnisch: „Liebe Schwestern und Brüder in Christus, sehr herzlich darf ich Sie alle zu diesem ökumenischen Gottesdienst willkommen heißen. Evangelische und katholische Bischöfe aus Polen und Deutschland laden zum gemeinsamen Gebet ein. Vor 500 Jahren gab es die Reformation. Es folgte die Kirchenspaltung, die uns mit Schmerz erfüllt. Seit über 50 Jahren gehen die katholischen und evangelischen Christen einen guten Weg vom damaligen Konflikt zur wachsenden Gemeinschaft. Es gibt viel mehr, was uns verbindet, als das, was uns trennt. Das ist ein Grund zur Freude und zur Hoffnung. Wir sind gemeinsam von Christus gerufen. Wir werden gemeinsam vom Heiligen Geist geführt. Der Heilige Geist ist die Kraft, die Versöhnung schafft und die uns zum Zeugnis der Liebe Gottes in dieser Welt befähigt“, so der Görlitzer Generalvikar in der deutschen Übersetzung.

Bischof Dr. Markus Dröge aus Berlin spricht von einem Christusfest, das wir feiern.  In seiner Predigt stellt er die Frage, ob man Reformation, die schließlich mit Kirchenspaltung verbunden gewesen ist, feiern kann. „Ja, wir können! Denn wir feiern ein Christusfest! Wir fokus­sieren gemeinsam den dynamischen Urgrund der Kirche, Jesus Chris­tus, der sich in seiner Liebe an alle Menschen wandte. Jesus Christus ist der Bleibende. Er war der Bleibende. Und er wird der Bleiben­de sein als Urgrund für unsere Kirchen. Und so schauen wir dankbar zurück auf all die Errungen­schaften, die zwischen den Konfessionen in der versöhnenden Kraft Jesu Christi schon erreicht werden konnten“, so Dröge.

Die zweite Predigt hält Bischof Prof. Dr. Zbigniew Kiernikowski aus Legnica/Liegnitz, auf Polnisch. Die deutsche Übersetzung haben die Gottesdienstbesucher am Eingang zusammen mit den Liederheften erhalten. Bischof Kiernikowski spricht von einer Tradition, „beim Lebewohl sagen oder beim Abschied nehmen jemandem ein Andenken“ zu hinterlassen. „In der Regel stellt das Geschenk nicht nur den Wert an sich dar, sondern knüpft an das stattgefundene Treffen an. Es ist also ein Zeichen der entstandenen Beziehungen und steht für alles, was uns wichtig ist. Es ist eine Gedächtnisstütze, die uns an das Geschehen erinnert und dadurch gewissermaßen das Geschehen weiter wirken lässt. Ähnlich war es bei dem bedeutendsten und wichtigsten Abschied, der je auf Erden und in der Geschichte der Menschheit stattgefunden hat. Dieser Abschied ereignete sich beim letzten Abendmahl. Damals, angesichts dessen, was am nächsten Tag geschehen soll, sagte Jesus zu seinen Jüngern: ,Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.‘ (Johannes 14,26)“, so der Liegnitzer Bischof unter anderem.

Die Lieder werden begleitet vom  Domchor Görlitz unter Leitung von Diözesankirchenmusikdirektor Thomas Seyda; dem Chor der Lutherkirche Görlitz, unter Leitung von Kirchenmusikdirektoer Erich Wilke; dem Kirchenchor Moys aus (Ujazd/Zgorzelec), unter Leitung von Małgorzata Duda und der Kantorei der Evangelischen Innenstadtgemeinde Görlitz, unter Leitung von Kirchenmusikdirektor  Reinhard Seeliger

Im Wechsel zu den Liedern und  Liedrufen werden Texte gelesen, so diese:

Wie das gemeinsame Gedenken 2017 Freude und Dankbarkeit zum Ausdruck bringt, muss es evangelischen und katholischen Christen auch Raum geben, den Schmerz über Versagen und Verletzungen, Schuld und Sünde in den Personen und Ereignissen, an die erinnert wird, wahrzunehmen. Im 16. Jahrhundert haben Katholiken und Protestanten ihre Gegner oft nicht nur missverstanden, vielmehr stellten sie deren Meinung übertrieben dar und karikierten sie, um sie lächerlich zu machen. Sie verstießen immer wieder gegen das achte Gebot, das verbietet, falsches Zeugnis wider den Nächsten zu geben.

Protestanten und Katholiken haben sich oft auf das konzentriert, was sie voneinander trennt, anstatt auf das zu sehen, was sie eint. Sie haben akzeptiert, dass das Evangelium mit den politischen und ökonomischen Interessen der Machthaber verwoben wurde. Ihr Versagen führte zum Tod von Hunderttausenden von Menschen. Familien wurden auseinandergerissen, Menschen wurden gefangen genommen und gefoltert, Kriege wurden geführt und Religion und Glaube wurden missbraucht. Menschen litten, und die Glaubwürdigkeit des Evangeliums wurde beschädigt mit Konsequenzen, die auch heute noch wirksam sind. Wir bedauern zutiefst das Böse, das Katholiken und Protestanten einander angetan haben.

Die Texte werden im Wechsel in den beiden Sprache vorgelesen. Ebenso – und abwechselnd – auch die Gebete:

Generalsuperintendent Herche: „Lasset uns beten!“

Bischof Ipolt: „O Gott der Barmherzigkeit, wir klagen vor dir, dass auch gute Reformen und Erneuerungen oft unbeabsichtigte negative Konsequenzen hatten.“

Herche: „Wir bringen vor dich die Last der Schuld der Vergangenheit, als unsere Vorfahren deinem Willen nicht gefolgt sind, dass alle eins seien in der Wahrheit des Evangeliums.“

Ipolt: „Wir bekennen, dass wir die Trennungen der Vergangenheit in unserem eigenen Denken und Tun aufrechterhalten. Als Gemeinschaften und als Individuen bauen wir viele Mauern um uns herum: geistige, geistliche, physische, politische Mauern, die zu Diskriminierung und Gewalt führen. Erbarme dich, Herr und vergib uns.“

Der Chor stimmt das Kyrie an;  Glaubensbekenntnis: „Wir glauben an den einen Gott…“; Fürbitten, Jugendliche entzünden Kerzen an der Osterkerze; Vaterunser; Dank, Segen; Auszug – an der Spitze des Zuges, wie beim Einzug:  das gemeinsame Zeichen der Christen, das Kreuz.

Nach dem Gottesdienst sind neben der Kirche Stände aufgebaut mit Backwaren aus der Region, Kaffee, Wasser. Vor allem dient die Zeit nach der gemeinsamen Feier der Begegnung.

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