5. September 2016

„Barmherzig wie der Vater im Himmel“ – war Thema bei der Bistumswallfahrt in Neuzelle

Die Bannerträger warten am vorigen Sonntag vor dem Portal der Stiftskirche in Neuzelle. Sie wissen nicht, ob sie dort, wo sie sind, richtig stehen, denn es ist zehn Uhr durch. Der Wallfahrtsgottesdienst hätte längst begonnen haben sollen. Was die Bannerträger nicht wissen: Der Gast ist noch nicht da. Erzbischof Heiner Kochs Fahrt von Berlin nach Neuzelle war kurz vor dem Ziel, kurz nach der Bistumsgrenze –  in Eisenhüttenstadt – durch Baustellen, Umleitung, Verkehrschaos,…, zum Stehen gekommen. Schließlich fand der Einzug in die Stiftskirche ohne ihn statt. Bischof Wolfgang Ipolt bedauerte – den Wallfahrern zugewandt – das bisherige Fehlen des Erzbischofs bei seiner Begrüßung, ohne merken zu können, dass der Gast aus Berlin inzwischen neben ihm stand. Unbemerkt war er  Sekunden zuvor aus der Sakristei-Tür im Altarraum getreten.

„Kyrie eleison – Herr erbarme dich“: Der  Ökumenischer Kirchenchor Senftenberg singt die Messe C-Dur von  Wolfgang Amadeus  Mozart (KV 259), begleitet vom Kammerchor und Orchester der Musikschule Oberspreewald-Lausitz unter der Leitung von Ulrich Stein und Diözesankirchenmusikdirektor  Thomas Seyda an der Orgel.
„Herr erbarme dich“ – um die Barmherzigkeit Gottes geht es bei dieser Bistumswallfahrt – im Jahr der Barmherzigkeit. Eingezogen waren die Ministranten, Priester, der Bischof durch die Heilige Pforte. Dieses äußere Zeichen müsse jedoch verinnerlicht werden, sonst bleibt es Makulatur. Sich vom Barmherzigen ansprechen, an- und be-rühren  zu lassen, war ein Ziel dieser Wallfahrt, die Gelegenheiten zum Empfang des Bußsakramentes – in vielen Beichtstühlen der Stiftskirche – eingeschlossen.

„Barmherzigkeit“ – ein großes Wort: „Es ist erstaunlich, wie auch Politiker und Journalisten, die nicht zu unserer Kirche gehören, diesen Begriff neu entdecken und würdigen. Es ist tatsächlich ein neues Thema, ein neuer Ton, angeschlagen worden, den wir manchmal vernachlässigt haben. Ja, es ist wieder möglich geworden, von Barmherzigkeit zu sprechen.“, sagt Bischof Ipolt in seiner Predigt.  Er redet von „Unsicherheiten und Fragen“, die sich im Zusammenhang mit Barmherzigkeit stellen.  „Kann man immer und in jedem Fall barmherzig sein – oder wird man dann nicht ungerecht? Ist echte Gerechtigkeit tatsächlich das Gegenteil zur Barmherzigkeit? Ist Barmherzigkeit eigentlich dasselbe wie  ,Mitleid haben‘ oder ist sie eine bloße ,Großzügigkeit‘, die über alles hinwegsieht?“, fragt Bischof Ipolt und gibt als eine Antwort: „Das Heilige Jahr soll uns zeigen: Barmherzigkeit ist nicht zu verwechseln mit einer blut- und kraftlosen Weichlichkeit, der jede Entschiedenheit und Klarheit abgeht. Sie ist auch nicht zuerst eine Eigenschaft des Menschen, sondern eine Eigenschaft Gottes. Darum geht es um eine ehrliche Erschütterung  vor dem heiligen Gott, vor seiner Gerechtigkeit und seinem Gericht. ,Barmherzig wie der Vater im Himmel‘ – steht darum mit Recht über unserer diesjährigen Bistumswallfahrt“, sagt  der Bischof  beispielsweise. (Hier steht die Predigt im Wortlaut.)

Zur Gabenbereitung bringen Vertreter aus den Pfarreien Kerzen an den Altar. Sie werden vor den Muttergottes-Altar gestellt, wie später die Blumen, die von Kindern gebracht werden. Die Kollekte ist für die Arbeit der Caritas bestimmt. Menschen, die nicht oder unzureichend in der Lage sind, ihren Haushalt ordentlich zu führen, werden von Fachleuten der Caritas unterstützt und angeleitet, den Haushalt zu managen und insbesondere ihrer Verantwortung gegenüber  den Kindern gerecht zu werden – ein Werk der Barmherzigkeit. Dazu dient das HaushaltsOrganisationsTraining – HOT (Mehr dazu hier.)

Nach dem Hochamt werden die Wallfahrer auf dem Stiftsplatz von Blasmusik empfangen – und von den Ständen der Vereine und Verbände im Bistum. Am Doppel-Stand des Diözesanrates und des TAG DES HERRN erhalten die Wallfahrer, die im Rahmen der Leseraktion vier Zeitungsabschnitte gesammelt und mitgebracht haben, Abreißkalender des St. Benno-Verlages für 2017. Eine Traube von Menschen bildet sich um halb Eins um diesen Stand, als unter den etwa 100 Einsendungen zehn Gewinner von Bücherpaketen ausgelost werden. Erzbischof Dr. Koch zog die Karten der Gewinner und überreichte ihnen die jeweils vier Bücher zum Thema „Barmherzigkeit“, bevor der im Refektorium einen Vortrag hielt. Das Thema: „Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen.“ (Lk 15,28) – Gedanken zur Beichte, dem Sakrament der Liebenden.

Wem das Refektorium zu voll war, konnte unter den weiteren Angeboten wählen:

In der  Wallfahrtsandacht, die von Erzbischof Dr. Koch geleitet wurde, standen drei Werke der Barmherzigkeit am Anfang: Benjamin Kaschula, Gefängnisseelsorger in der JVA in Cottbus erzählte ein Beispiel zum Werk: „Gefangene besuchen“: „Der Anruf kam aus der Zentrale der Justizvollzugsanstalt Cottbus Der Bedienstete sagt: Herr Kaschula, wir wissen, es ist schon spät, aber können Sie bitte ins Gefängnis kommen? Es geht um einen Gefangenen in der Untersuchungshaft, für den heute die Welt zusammengebrochen ist. (…) Ich nenne ihn Robert, um ihn zu schützen und anonym zu halten. Am Nachmittag ging sein langwieriger, in den Medien zerfetzter Fall, zu Ende. Die Anklage lautet: Mordversuch an einem Menschen, der Roberts Familienglück zerstörte. Die Verteidigung fordert sieben Jahre, die Staatsanwaltschaft zwölf Jahre. Der bekanntlich strenge Richter verhängt das Urteil: lebenslänglich! Das war unerwartet und übertraf alle Vermutungen, welche Strafe es wohl geben würde. (…) Robert erzählt mir seine Lebensgeschichte, sagt mir, dass er „Gott getauscht hat gegen ein schönes Haus, gute Arbeit, viel Geld, ein teures Auto, Ansehen und Status“. Um die 5 Jahre hatte all das Vorrang. Gebetet habe er nicht mehr, in die Kirche sei er nicht mehr gegangen… Er hat Gott nicht mehr Thema sein lassen in seinem Leben. Warum?, frage ich. „Weil es mir auch so gut ging[…]“, antwortet Robert. „Und jetzt?“ frage ich. „Jetzt bestraft er mich, indem er mich nicht mehr hört. Ich hatte alles im Leben um glücklich zu sein. Und dann dieser Fehler. Meine Frau, mein Sohn und meine Tochter… Ich habe alles, einfach alles verloren.“(…) Robert hat wieder angefangen in der Bibel zu lesen, er betet viel und besucht den Gefängnisgottesdienst und unsere Gesprächskreise“, sagt der Gefängnisseelsorger.

Zwischen den Zeugnissen wird jeweils eine Liedstrophe gesungen: „Lass uns in deinem Namen, Herr, die nötigen Schritte tun“.

Diakon Bernd Schmuck ist  Krankenhausseelsorger im Malteserkrankenhaus „St. Carolus“ in Görlitz.  „Kranke besuchen“ – über dieses Werk der Barmherzigkeit, spricht er: „Die Ärzte hatten Andreas zuvor gesagt, dass es keine Heilung im medizinischen Sinne mehr gibt und seine Lebenszeit sehr begrenzt ist. (…) Und dann sprach er noch von seiner sechsjährigen Tochter Lea, dem kleinen Wirbelwind, die immer in seinem Krankenbett mit ihm toben wollte. ,Wie soll ich ihr nur sagen, dass ich schwer krank bin?‘ Wir überlegten gemeinsam wie er und seine Frau mit Lea darüber sprechen könnten. Als seine Frau nach ein paar Tagen mit dem kleinen Wirbelwind wieder zu Besuch kam, fragte ich Lea, ob ich ihr das Krankenhaus zeigen kann. Andreas bat darum, einmal allein etwas Zeit mit seiner Frau zu haben. Lea nahm mich an der Hand und wir gingen los. ,Bernd, schau mal da oben?‘ sagte das Mädchen. Als ich nach oben blickte, sah ich kleine Papierengel an Bindfäden von der Decke hängen, die sich im Windzug bewegten. ,Das wird mal mein Papa sein!‘, sagte sie. ,Du meinst, ein Engel?‘ – ,Ja, ein richtiger Engel, hat Papa gesagt‘.  In diesem Moment wusste ich, das Andreas mit seiner Lea gesprochen hatte.

Felicitas Baensch ist Koordinatorin beim Hospizdienst in Görlitz. Sie und die vorwiegend Ehrenamtlichen begleiten Sterbende und Angehörige,  trösten Trauernde: „Vater, Mutter, Kind. Für den Vater war es die zweite Ehe, in der er Vieles besser machen wollte und sich auch  intensiv dem Kind beschäftigte. Plötzlich brachen unterschiedliche Erkrankungen über ihn herein, zum Schluss die Diagnose Krebs im  fortgeschrittenen Stadium Zeiten der eigenen Unsicherheit, der Bewusstheit der eigenen Grenzen und der Grenzen des Machbaren, Zeiten der Hilflosigkeit. Und dennoch entdecken wir immer wieder die Kraft der Gemeinschaft, des gegenseitigen Haltgebens und des Getragen-Seins durch Gott“, sagt  Felicitas Baensch unter anderem.

Die Namen der Personen, um die es in den Zeugnissen geht, sind geändert worden, ihre Geschichten so verändert, dass Rückschlüsse kaum möglich sind; dennoch sind sie wahr. An den Gesichtern der Wallfahrer ist Betroffenheit zu spüren – die Statements kommen an. „Selig seid ihr, wenn ihr Wunden heilt“,  singt im Anschluss Kantorin Anette Okoniewski aus Großräschen.

„Ist dieser Glaube an den barmherzigen Gott erfundene Ideologie oder erfahrbare Wirklichkeit?“, fragt Erzbischof Koch in seiner Ansprache: „Der christliche Glaube an den barmherzigen Gott ist keine Frage nur des Gefühls und der Stimmung. Der christliche Glaube ist eine Entscheidung. Dass es einen barmherzigen Gott gibt, wird nur der Mensch erfahren, der entschieden Gott sein Herz schenkt.“ Die Heilige Pforte „ist auch keine Drehtür, durch die ich ein bisschen am christlichen Weg schnuppern kann und doch unverbindlich vor ihm stehen bleibe. Wage ich es mich einzulassen und mich verbindlich auf den Weg eines Christen zu machen? In unserer Gesellschaft bleiben viele Erfahrungen dem Menschen versagt, weil sie eine solche Bindung nicht wollen oder vor ihr Angst haben“, so der Erzbischof. (Seine vollständige Predigt steht hier).

Karten waren vor der Andacht ausgeteilt worden: Auf der Vorderseite ist die Mutter-Gottes-Statue mit Jesuskind aus der Stiftskirche abgebildet, darunter der Text „Gebet für die Neugründung eines Zisterzienserklosters in Neuzelle. Auf der Rückseite steht das Gebet, das Bischof Ipolt geschrieben hat. Gemeinsam beten es die Wallfahrer. Die Karten sollen mitgenommen werden, damit in den Pfarreien und Familien für die Neugründung an dem Ort gebetet wird, wo „die Mauern von den Gebeten der Zisterziensermönche durchdrungen sind, die vor uns hier lebten“, wie es ein Pater aus Heiligenkreuz unlängst formulierte.

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